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Interview

Glücksforscher: «Es scheint eine latente Sehnsucht nach klaren Regeln zu geben»

Matthias Binswanger untersucht in seiner Forschungsarbeit, was uns glücklich macht. Bild: Chris Iseli

Hat uns die Pandemie unglücklich gemacht? Der Glücksforscher und Volkswirtschafter Matthias Binswanger blickt auf das vergangene Jahr zurück und wagt eine Prognose für das neue.



Herr Binswanger, war 2020 ein glückliches Jahr für Sie?
Matthias Binswanger: Eine masochistische Freude am Lockdown hat sich bei mir bis heute nicht eingestellt. Ich mag es lieber, meine Vorträge vor einem physisch anwesenden Publikum zu halten. Ich reise auch lieber zu einer Veranstaltung, als dass ich zu Hause in einen Bildschirm reinspreche. Von daher würde ich das vergangene Jahr nicht gerade als Highlight bezeichnen.

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Wie haben Sie als Glücksforscher das Pandemie-Jahr erlebt?
Ich habe sehr Unterschiedliches beobachtet, was daran liegt, dass die Leute sehr verschieden auf die Pandemie reagieren. Überraschend ist, dass einem erheblichen Teil der Menschen die einschränkenden Massnahmen nicht viel auszumachen scheinen. Manche leben auch ohne Pandemie in einem selbst gewählten Dauer-Lockdown und haben ihr soziales Leben auf ein Minimum runtergefahren. Der Unterschied zu einem offiziell verordneten Lockdown ist dann nur noch gering.

Zur Person

Mathias Binswanger ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Fachhochschule Nordwestschweiz in Olten und Privatdozent an der Universität St.Gallen und Publizist. Sich selbst bezeichnet er als Ökonom und Glücksforscher. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören Bereiche der Makroökonomie, Finanzmarkttheorie, Umweltökonomie und der Zusammenhang zwischen Glück und Einkommen. Sein Buch «Die Tretmühlen des Glücks» war in der Schweiz ein Bestseller. 2020 erschien sein neustes Buch «Mehr Wohlstand durch weniger Agrarfreihandel – Landwirtschaft und Globalisierung». Die NZZ zählt Binswanger zu den einflussreichsten Wirtschaftsexperten 2020.

Was bedeutet diese Erkenntnis?
Dass Freiheit längst nicht für alle Menschen einen hohen Stellenwert hat und es ihnen sogar entgegenkommt, wenn Regeln vorgegeben werden. Es scheint eine latente Sehnsucht nach klaren Regeln zu geben, die jetzt wieder durchgebrochen ist. In unsicheren Zeiten werden Sicherheit und Bequemlichkeit wichtiger als Freiheit. Deshalb haben viele den Lockdown gar nicht so negativ empfunden.

«Die Menschen haben schon sehr viel schlimmere Sachen erlebt.»

Psychologinnen sagen hingegen, dass seit den Corona-Massnahmen die psychischen Erkrankungen merklich zunehmen.
Natürlich gibt es diejenigen, denen die Situation aufs Gemüt schlägt. In Zeiten wie diesen wird man auf sich selbst zurückgeworfen. Man muss mit sich selber auskommen, während man in anderen Situationen ständig von anderen Dingen abgelenkt ist und viel zu beschäftigt ist, um zu sehen, dass der Alltag im Grunde doch ziemlich profan ist.

Was verändert sich längerfristig, wenn die Bevölkerung über Monate weniger glücklich ist?
Das kommt darauf an, wie wir uns nach der Pandemie verhalten. Wenn wir danach wieder rasch zur Normalität zurückkehren können, dann werden diese Monate keinen bleibenden Einfluss haben. Sehen Sie, die Menschen haben schon sehr viel schlimmere Sachen erlebt. Nach dem zweiten Weltkrieg ging es auch relativ normal weiter. Im Vergleich zu einem Krieg ist diese Pandemie ein kleines Ereignis. Was aber schon sein kann, ist, dass es einzelnen schwer fallen wird, wieder normale, physische Kontakte zu pflegen. Wer sich zu sehr in die virtuelle Welt geflüchtet hat, könnte Mühe haben, diese wieder zu verlassen.

In unserem letzten Gespräch sagten Sie, dass das Glück zwei Komponenten hat: Eine längerfristige Lebenszufriedenheit und ein kurzfristiges emotionales Wohlbefinden. Für viele sind dieses Jahr beide Komponenten ausgefallen.
Einige Dinge, die im täglichen Leben Freude bereiten, konnte man nicht mehr machen. Das beeinträchtigt das emotionale Wohlbefinden, also die kurzfristige Komponente. Allerdings wurde die längerfristige Komponente, also die längerfristige Lebenszufriedenheit nicht stark beeinflusst. Weil man davon ausgeht, dass wenn das mal vorbei ist, das normale Leben zurückkehrt.

Sie sind nicht nur Glücksforscher sondern auch Volkswirtschaftler. Wie abhängig ist unser Glück von einer stabilen Wirtschaft?
Es ist sehr davon abhängig. Eine instabile Wirtschaft bedeutet Arbeitslosigkeit und das ist einer der grössten Unglücksfaktoren im Leben eines Menschen. In Ländern, wo man damit rechnen muss, arbeitslos zu werden, ist die Lebenszufriedenheit immer negativ beeinträchtigt. Das ist mit ein Grund, warum die Lebenszufriedenheit in der Schweiz im Normalfall hoch ist. Wir haben eine Arbeitsplatzsicherheit und konnten diese auch weiterhin dank Massnahmen gewährleisten.

«Nach der Pandemie ist vor der Pandemie.»

Sie haben sich während der Pandemie stets optimistisch gezeigt und sagten, dass die Schweiz diese Krise gut meistern wird. Was macht Sie so sicher?
Weil das Bruttoinlandprodukt der Schweiz kaum gesunken ist. Anfang dieses Jahres wurde die Prognose gestellt, dass es um zehn Prozent zurückgehen wird. Im Sommer hat man korrigiert und sprach noch von fünf bis sechs Prozent Rückgang. Nun sind wir bei drei Prozent weniger gegenüber dem Vorjahr – und das obwohl wir einen Lockdown und nun gar einen zweiten Quasi-Lockdown haben. Die wirtschaftlichen Auswirkungen blieben erstaunlich klein. Wesentliche Strukturen gingen nicht kaputt. Sobald man die Wirtschaft wieder laufen lässt, dürfte es wieder aufwärts gehen.

Es gibt Branchen, die von der Pandemie hart getroffen wurden.
Das ist richtig. Und darüber wurde noch nicht viel gesprochen. Es wird Betriebe geben, die zumachen müssen, andere werden den Kredit, den sie aufgenommen haben, nicht zurückzahlen können. Die Gastronomie- oder Reisebranche ist angeschlagen. Für diese Betriebe gibt es bisher keine echten Lösungen. Aber sie machen insgesamt nur einen kleineren Teil der Schweizer Wirtschaft aus. Der grössere wird sich schnell erholen.

Wie verändert die Pandemie die Schweiz?
Nach der Pandemie ist vor der Pandemie. Nur werden wir vermehrt im Home-Office arbeiten und weniger Kurzstreckenflüge machen. Diese zwei Sachen werden bleiben.

Was ist mit den vielen Nachrichten über die Toten, die täglichen Zahlen über neu infizierte Personen, die persönlichen und wirtschaftlichen Einschränkungen? Werden wir diese Erfahrungen so ganz einfach wegstecken können?
Wie volatil die ständige Berichterstattung über die Corona-Thematik ist, zeigten die US-Wahlen. Während es vorher einen ständigen Hype um die täglichen Neuinfektionszahlen gab, waren diese plötzlich nicht mehr relevant für ein paar Tage. Weil ein anderes Thema in der Vordergrund gerückt war. Und dies, obwohl sich die Ansteckungszahlen auf einem sehr hohen Niveau bewegten. Das heisst, dass wir sehr flexibel sind beim Konsum von Informationen. Irgendwann werden diese Zahlen wieder aus unseren Leben verschwinden und nach kurzer Zeit werden wir vergessen haben, dass sie einmal da waren.

«Im Idealfall kann man positive Erfahrungen für die Zeit nach der Pandemie mitnehmen.»

Ist diese Flexibilität unser Glück oder unser Unglück?
Es liegt in der Natur des Menschen und ist auch nichts Neues, dass wir Dingen einen hohen Stellenwert zuschreiben, die in den Vordergrund gerückt werden. Der Unterschied heute ist, dass dieser Mechanismus durch die Sozialen Medien verstärkt wird. Früher habe ich die Zeitung gelesen, sie dann weggelegt und wurde den Rest des Tages nur noch durch gelegentliches Hören von Nachrichten oder durch die «Tagesschau» nochmals an das Thema erinnert. Heute werde ich 24 Stunden am Tag mit Informationen bombardiert. Dinge, die für mich eigentlich irrelevant sind, werden plötzlich bedeutungsvoll. So frage ich mich, was es mir bringt, dass ich täglich über die Ansteckungszahl informiert werde, obwohl diese Zahl für sich allein genommen nur wenig aussagt. Aber gewisse Leute beklagen sich schon jetzt, dass man diese Zahl vom BAG nicht auch noch über die Feiertage serviert bekommt.

Viele sind erleichtert, dass sich dieses Jahr zu Ende neigt. Doch wie wird es 2021 weitergehen? Wird es tatsächlich besser?
Vermutlich schon. Dass man sich impfen kann, vermittelt das Gefühl von Besserung. Es geht gar nicht so sehr darum, wie wirksam die Impfung tatsächlich sein wird. Das wissen wir im Moment noch nicht. Wichtig ist, dass man endlich etwas tun kann. Das Gefühl, der Pandemie nicht mehr ausgeliefert zu sein, hilft und stimmt optimistisch.

Was können wir gegen das Unglück tun?
Wir, mich eingeschlossen, können versuchen, auch die positiven Effekte der Pandemie zu erkennen. Viele hatten weniger Stress während dieser Zeit. Das Pendeln fiel weg, was einen grossen Unglücksfaktor im Leben von vielen Menschen darstellt. Es gibt weniger sinnlose Meetings, an denen man teilnehmen muss. Viele haben gemerkt, dass es auch geht, wenn gewisse Sachen wegfallen. Vielleicht wurde einigen klarer, was ihnen wichtig ist im Leben, welche Projekte sie verfolgen möchten. Im Idealfall kann man positive Erfahrungen für die Zeit nach der Pandemie mitnehmen.

Was können Sie von der Zeit mitnehmen?
Wie viel es bedeutet, reale Kontakte mit Menschen zu haben. Ein rein virtuelles Leben wird absurd. Der physische Alltag besteht zur Hauptsache noch aus kurzen Gängen zwischen Bett, Bildschirm, Küche und Essenstisch. Wir müssen in Zukunft lernen, wie wir ein glückliches Leben führen können, ohne dass die virtuelle Welt uns zu sehr vereinnahmt.

Sind Sie eine Person, die sich Neujahresvorsätze fasst?
Nein, das lasse ich lieber. Das schafft nur Frustration. Man nimmt sich etwas vor, das man dann doch nicht einhält und ist dann enttäuscht. Was aber nicht heisst, dass ich grundsätzlich gegen Vorsätze bin. Es muss aber nicht an Neujahr sein.

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