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Offen gesagt

«Lieber Herr Dubler, Sie haben recht ...»

Im Zuge der «Black Lives Matter»-Bewegung haben auch Bestrebungen wieder Auftrieb, rassistisch belastetes historisches Erbe zu beseitigen. Das ist eine ambivalente Angelegenheit.



Lieber Herr Dubler

Sie sind ein Mann von einiger Charakterfestigkeit. Oder Geschäftstüchtigkeit, je nachdem, aus welchem Blickwinkel man es betrachtet. Seit Tag und Jahr verkaufen Sie andernorts längst politisch korrekt als Schokoküsse gelabelte Süssigkeiten unter dem Markennamen «Mohrenkopf». Und laufen deswegen regelmässig in massenmedial recyclierte Shitstorms. Die haben Sie über die Jahre zur absoluten Top-Marke in Ihrem Bereich gemacht, ohne dass Sie auch nur einen einzigen Werbefranken einsetzen mussten.

Jedes Mal, wenn Sie wegen Rassismusvorwürfen unter Beschuss geraten, pflegen Sie zu sagen, Ihre Schokoladenprodukte seien nicht rassistisch, die Menschen seien es. Und damit haben Sie natürlich völlig recht, auch wenn die Migros das offenbar anders sieht.

Sie weichen damit aber der Frage aus, warum Menschen rassistische Vorurteile und Einstellungen früh erlernen und nur so später auch weiter kultivieren können. Dabei spielen Sprache und kulturelle Codes eben schon eine Rolle. Sprache formt das Bewusstsein und das Bewusstsein bestimmt letztlich auch das Sein.

Ich bin zum Beispiel aufgewachsen mit Globi-Büchern, in denen «Neger» noch «Neger» waren und der Held meines Lieblingshörspiels von Trudi Gerster war der kleine Wumbo-Wumm, der war «schüüli dumm», weswegen ihm immer irgendwelches Zeug passiert ist, ab dem man sich kaputtlachen konnte. Und er war natürlich ein kleiner dicker Schwarzafrikaner mit Knochen im Haarknoten. Jedenfalls auf dem Plattencover.

Sie sehen: Ich kann den Refrain noch heute auswendig singen, samt Melodie, so langanhaltend ist frühkindliche Prägung. Ich würde mich zwar dagegen verwahren, aktiv rassistisches Gedankengut zu hegen oder gar zu befürworten. Aber ausschliessen, dass der «schüüli dumme» Wumbo Wumm auch heute noch irgendwie und irgendwo in mir nachwirkt? Das würde ich wohl eher nicht.

Sie sollten Ihre Überlegungen deshalb nicht davon leiten lassen, ob «Mohrenköpfe» rassistisch sein können oder nicht. Das ist keine fruchtbare Diskussion und nur weil andere die führen wollen, müssen Sie damit ja keine Zeit verschwenden.

Vielmehr sollten Sie für sich eine Vorstellung davon entwickeln, welchen Anteil ihr Markenname «Mohrenkopf» am gesamten kulturellen Kanon hat, der rassistische Stereotypen reproduziert und damit am Leben erhält. Wenn Sie zum Schluss kommen, der Mohrenkopf sei im volksmundigen Sprachgebrauch selten und recycliere nur wenig wirkmächtig rassistische Vorurteile, dann belassen Sie es bei «Mohrenkopf».

Wenn Sie aber zum Schluss kommen, der «Mohrenkopf» sei doch eher ein noch weit verbreitetes Wort in der Schweiz und die hervorgerufenen Assoziationen eigneten sich gut, rassistische Vorurteile und Vorstellungen auch in künftige Generationen einzupflanzen, dann sollten Sie den Markennamen ändern.

Oder vielleicht kommen Sie zum Schluss, dass es gar nicht das Beste ist, den Begriff «Mohrenkopf» komplett zu verbannen, sondern Ihr Produkt und damit auch Ihre Firma, in was auch immer Sie die umbenennen, zu ergänzen mit dem Hinweis «Früher bekannt als ‹Mohrenkopf›». Und einer knappen Erklärung, warum Sie zum Schluss gekommen sind, den «Mohrenkopf» nicht mehr «Mohrenkopf» zu nennen.

Das fände ich interessanter als die Frage, ob Süssigkeiten rassistisch sein können oder nicht...

Mit freundlichen Grüssen

Maurice Thiriet

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