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Tally-Weijl fordert eine Million Franken Schadenersatz von Ex-Manager

Der Schweizer Teeniemodekonzern Tally Weijl verlangt von seinem ehemaligen Markenchef eine Million Franken Schadenersatz. Dieser soll sich jahrelang am Unternehmen bereichert haben.

Andreas Maurer / Schweiz am Wochenende



ARCHIVBILD ZUR STUDIE

Hosen für «extrovertierte Mädchen». Bild: KEYSTONE

Der Lebenslauf des Spaniers Ivo G. (42) ist beeindruckend. Als 29-Jähriger heuerte er beim weltgrössten Modekonzern Inditex als «Brand Director» (Markenchef) einer Geschäftseinheit für Teenie-Mode mit hundert Millionen Euro Umsatz an. In seinem Curriculum glänzt er zudem mit akademischen Titeln: Bachelor in Psychologie, Master in globalem Marketing und Master of Business Administration. Selbst die Basler Staatsanwältin zollt ihm Respekt: «Mit den erworbenen Managementkenntnissen in den betriebswirtschaftlichen Disziplinen war er für eine Karriere als Führungskraft bestens vorbereitet.»

Tally Elfassi-Weijl und Beat Grüring, die Inhaber des Modekonzerns Tally Weijl mit Sitz in Basel, waren «sofort überzeugt», dass Ivo G. für sie der Richtige sei – so gaben sie es in einer Einvernahme zu Protokoll. Der Spanier wurde ihnen durch einen Headhunter vermittelt. Sie stellten ihn 2009 mit einem Anfangslohn von monatlich 15 000 Franken plus 40 Prozent Bonus ein, ernannten ihn zum «Head of Development & Strategies» und beförderten ihn nach drei Jahren zum «Company Brand Director».

Er leitete somit die Bereiche Einkauf, Design, Marketing, E-Commerce sowie Ladenbau und verantwortete ein Budget von bis zu 160 Millionen Euro. Sein Gehalt verdoppelte sich. Er kassierte nun 27 500 Franken pro Monat plus Bonus. Mit 37 Jahren verdiente er mehr als ein Bundesrat. Doch das war ihm nicht genug.

Prämien eingesackt

Ivo G. nutzte es aus, dass er einen Arbeitsplatz fernab der Basler Zentrale hatte. Von Schanghai aus leitete er das Designteam in Paris und organisierte den Einkauf von Textilien und Accessoires in Asien. Mit drei Textillieferanten baute er eine spezielle Geschäftsbeziehung auf: Sie sollen ihm zwischen 2011 und 2013 persönliche Provisionen und Kickbacks von umgerechnet 330 000 Franken gezahlt haben.

Dies wirft ihm die Basler Staatsanwaltschaft in ihrer Anklageschrift vor, die der «Schweiz am Wochenende» vorliegt. Ivo G. hätte einen um diesen Betrag günstigeren Kaufpreis aushandeln können und habe sich auf Kosten von Tally Weijl bereichert, lautet der Vorwurf.

Die persönlichen Entschädigungen liess sich Ivo G. auf Konten in Hongkong und auf den Seychellen einzahlen. Dort hatte er eigene Firmen gegründet. Dabei hatte er sich in seinem Arbeitsvertrag verpflichtet, nicht ohne schriftliche Zustimmung für andere Firmen tätig zu werden. Seine eigenen Geschäfte tarnte er allerdings kaum. Er liess sich als Inhaber in den öffentlichen Handelsregistern eintragen.

Ein Tally-Weijl-Shop in Wien. Die Modekette bezahlt neue Mitarbeiter am Hauptsitz in Basel künftig in Euro.

Bild: EPA

2013 kam ihm Tally Weijl auf die Schliche. Inhaber Grüring reiste nach Schanghai, um das Arbeitsverhältnis in «beidseitigem Einverständnis» aufzulösen. Zurück in der Schweiz reichte er Strafanzeige ein. Die Staatsanwaltschaft hat Anklage wegen mehrfacher qualifizierter ungetreuer Geschäftsbesorgung erhoben. Ivo G. droht eine Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren.

Tally Weijl geht es vor allem um Geld: Die Inhaber fordern Schadenersatz von einer Million Franken inklusive Zinsen. Für den Konzern ist der Schaden allerdings verkraftbar. In den vergangenen Jahren hat er es geschafft, seinen Marktanteil in einem schwierigen Umfeld stetig zu vergrössern. Gemäss Schätzungen der Fachzeitschrift «Textilwirtschaft» betrug der Umsatz 410 Millionen Euro im Jahr 2016. Es könnte der bisher höchste Wert in der Firmengeschichte sein.

Das geschiedene Ehepaar, das geschäftlich immer noch gemeinsame Wege geht, gründete das Unternehmen 1984 in einer Solothurner Garage, trug es 1998 ins Aargauer Handelsregister ein und verlegte 2006 den Hauptsitz nach Basel. Nun ist es in 37 Ländern aktiv und wird auf Rang 70 der grössten europäischen Modeanbieter platziert.

Totally sexy?

Eine Bueste mit der Aufschrift Tally Weijl im schweizerischen Textileinzelhandelsunternehmen Tally Weijl im White Plaza-Gebaeude in Basel am Donnerstag, 1. September 2016. (KEYSTONE/Georgios Kefalas)

Bild: KEYSTONE

Vor 13 Jahren lancierte Tally Weijl mit Magermodels die Kampagne «totally sexy». In Zeiten von #MeToo ist diese Strategie allerdings ausser Mode gekommen. Um Tally Weijl ist es in den vergangenen Jahren leiser geworden. Im Herbst kündigten die Inhaber an, das Online-Geschäft auszubauen und einige der weltweit 780 Läden zu schliessen.

Als unangenehmer Termin steht nun auch eine Woche im Juni in der Agenda. Dann ist der viertägige Prozess gegen Ivo G. angesetzt. Beide Parteien verzichten auf eine Stellungnahme. Dem Vernehmen nach finden Gespräche statt, um einen Deal zu finden und den Prozess abzusagen. Dafür ist es zu spät. Die Staatsanwaltschaft klagt ein Offizialdelikt an, das sie auch bei einem Rückzug der Anzeige verfolgen müsste.

Dass es ihr ernst ist, hat sie demonstriert, indem sie 380 000 Franken beschlagnahmt hat. Die Strafverfolger sperrten das Schweizer Konto von Ivo G. und über ein Rechtshilfeersuchen auch jenes in Paris, um den mutmasslichen Schaden und die Verfahrenskosten decken zu können.

Die Karriere von Ivo G. geht dennoch weiter. In Barcelona hat er sich nach der Kündigung selbstständig gemacht und eine Werbeagentur gegründet, die weltweit tätig sein will. Ihren Kunden verspricht sie auf ihrer Website, «kein Blabla» zu bieten. Zudem weist Ivo G. in seinem Lebenslauf darauf hin, globale Marken wie Tally Weijl gemanagt zu haben. 

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