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Patrick Hofer-Noser, Inhaber 3s Solar

«Jeder Balkon ist ein Kraftwerk»: Solar-Unternehmer Patrick Hofer-Noser in der Produktionshalle von 3S Solar Plus in Gwatt BE. Bild: watson

Schweizer Solarpionier lässt Panels in Gebäuden verschwinden: «Dürfen kein Dach verlieren»

Während in China die Solarenergie regelrecht explodiert, geht es mit dem Sonnenstrom in der Schweiz nur langsam vorwärts. Solar-Pionier Patrick Hofer-Noser will dies mit in Gebäude integrierten Solarzellen ändern. Das steckt dahinter.



Seit 30 Jahren ist die Sonnenenergie seine Berufung. Der Berner Solar-Unternehmer Patrick Hofer-Noser (55) steht in seinem Büro am Fusse des Niesen in Gwatt BE. Seine ruhige, klare Stimme wird plötzlich energisch, als er durch das grosse Glasfenster auf ein frisch renoviertes Haus nebenan blickt. «Das Dach ist für die nächsten 50 Jahre verloren. Statt Strom zu produzieren, schützen die Ziegel nur vor der Witterung.»

Eine Lösung liegt nur wenige Schritte weiter parat. Hofer-Noser schreitet durch die Produktionshalle seiner Firma 3S Solar Plus. Ein Roboterarm platziert Solarzellen millimetergenau auf einem Dachmodul. Dann verlöten Angestellte im nächsten Schritt die Drähte – ganz ohne Handarbeit geht es (noch) nicht.

Solarbalkon von 3s Plus.

Mit Solar-Balkonen und Solar-Dächern können ganze Gebäude mit Strom versorgt werden. Bild: zvg

3S lässt Solarzellen in Gebäuden verschwinden. Das KMU produziert Fotovoltaik-Anlagen, die sich direkt in Dächer und Fassaden verbauen lassen. Das neuste Produkt ist ein Solargeländer. «Damit verwandeln wir jeden Balkon in ein kleines Solarkraftwerk», so Hofer-Noser, der seit dem UNO-Klimagipfel 1992 von erneuerbaren Energien fasziniert ist. «Mein Antrieb ist, unseren Kindern eine lebenswerte Welt zu hinterlassen und dabei Geld zu verdienen.»

Nach einer turbulenten Zeit hat der Gründer Hofer-Noser 3S Solar Plus 2018 von der Firma Meyer-Burger zurückgekauft. Seither hat er die Zahl der Angestellten auf 57 fast verdoppelt.

Bild

Gewaltige Ausmasse: eine Solarfarm in Golmud, China. Bild: shutterstock

Die Integration von Solarzellen in Gebäude ist aber nach wie vor ein Nischenmarkt. Die grosse Musik spielt nicht in Europa, sondern in Asien. «China produziert heute Solarpanels wie T-Shirts», sagt der Unternehmer. China setzt seit gut zehn Jahren auf riesige Solar-Farmen, um den Energiehunger zu stillen (siehe Grafik unten). Das Wachstum frisst jedoch den Fortschritt auf: Denn das Land stösst mehr CO2 aus als alle anderen Industrieländer zusammen.

Auch die Schweiz hat das Klimaziel 2020 klar verpasst. Die angepeilte Reduktion des CO2-Ausstosses um 20 Prozent im Vergleich zu 1990 bleibt eine Utopie. Der Knackpunkt: Die Eidgenossenschaft importiert weiter Erdöl für acht Milliarden Franken pro Jahr. Über 60 Prozent des gesamten Energieverbrauches werden durch Öl und Gas gedeckt. Trotz Fortschritten bei erneuerbaren Energien werden viele Gebäude weiterhin mit fossilen Energien beheizt.

CO2-Gesetz soll Wende bringen

Das CO2-Gesetz, über das wir am 13. Juni abstimmen, soll nun die Wende bringen. Für Hofer-Noser ist die Vorlage ein «gutschweizerischer» Kompromiss. Und trotzdem elementar, weil sie endlich einen klaren Weg zum grossen Ziel aufzeigt: die Schweiz bis 2050 klimaneutral zu machen. «Wir haben einen Klimanotstand. Darum ist es fahrlässig, wenn man heute Gebäude baut, die nicht CO2-frei sind.» Der Gebäudesektor ist für 24 Prozent der Schweizer CO2-Emissionen verantwortlich. «Häuser sind die Kraftwerke der Zukunft. Die Energiewende in der Schweiz kann gelingen, ohne die ganze Landschaft zu verschandeln», sagt der Solar-Pionier, der sich selbst als «liberal» bezeichnet.

«Häuser sind die Kraftwerke der Zukunft.»

Patrick Hofer-Noser

Die Abkehr von fossilen Energien sei für das Land eine Riesenchance, sagt der frühere Präsident von Cleantech Switzerland. Und vergleicht die Energiewende mit dem industriellen Entwicklungssprung im 19. Jahrhundert. «Damals bauten wir im ganzen Land Eisenbahnen und Tunnels. Daraus sind die ABB, die Schweizerische Kreditanstalt (heute CS) und die ETH entstanden», so Hofer-Noser. Man habe nun die Möglichkeit, ein ganzes Ökosystem für ressourceneffiziente Technologien sowie eine Kreislaufwirtschaft aufzubauen – und den Wandel zu einer nachhaltigen Gesellschaft zu vollziehen. «Die Schweiz war punkto Innovation schon immer stark. Jetzt brauchen wir Firmen, die die Wende umsetzen. Dann gibt es einen Exportschub für die nächsten 100 Jahre.»

*Daten 2020 geschätzt.

Der nächste «Gamechanger»

Solarenergie nimmt in der Schweiz nur langsam Fahrt auf. Seit 2001 konnte der Ingenieur seine Technik immerhin in über 12'000 Dächer verbauen. Dazu kommen Fassaden und Balkone. Die Herstellung sei zwar billiger geworden. Doch die bürokratischen Hürden seien nach wie vor gross. Wer eine Fassade oder Balkone mit Solarzellen ausrüsten wolle, brauche eine Baubewilligung – während bei den Dächern inzwischen eine Anzeige reicht. «Die administrativen Hürden verteuern erneuerbare Energien unnötig», so Hofer-Noser. Und macht ein Rechenbeispiel: Sechs Laufmeter Solarbalkon kosten 4800 Franken. Wegen des Baubewilligungsverfahrens kämen bis 2000 Franken obendrauf.

Weiter können Hausbesitzende derzeit ihren überschüssigen Strom nicht einfach so an die Nachbarn verkaufen. Geht es nach dem Bundesrat, sollen bald auch Haushalte ihre Stromlieferanten selbst wählen können. Für Hofer-Noser ein ähnlicher Gamechanger, wie dies die Liberalisierung des Telekommarktes 1998 darstellte. «Früher gab es nur die Telecom PTT. Heute gibt es unzählige Anbieter, welche die Preise massiv ins Rutschen brachten.»

Die Zukunft der Schweizer Solarenergie

Arbeiter montieren Panels der Solar-Grossanlage des Elektrizitaetswerk der Stadt Zuerich (ewz) am Albigna-Stausee, aufgenommen am Montag, 10. August 2020, in Bregaglia. Mit

Arbeiter montieren Panels der Solar-Grossanlage des Elektrizitätswerks der Stadt Zürich (ewz) am Albigna-Stausee. Bild: keystone

Nicht nur darum schaut Hofer-Noser optimistisch in die Zukunft. Die Internationale Energieagentur (IEA) vermeldet diese Woche ein Rekordwachstum der erneuerbaren Energien. Die billige Solarenergie hat auf den Strommärkten innert kürzester Zeit eine dominante Rolle eingenommen. Früher oder später wird sich dieser Trend auch in der Schweiz auswirken. Ob auf Dächern, Fassaden, Parkplatzüberdachungen oder Lärmschutzwänden: «Fotovoltaik wird in 20 Jahren eine absolute Selbstverständlichkeit sein», so Hofer-Noser. Spätestens dann werde sich der Nachbar so richtig aufregen, dass er sein Dach nicht mit Solarzellen ausgerüstet hat.

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