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Einbrechen in Zeiten des Corona – ein Direktbetroffener schildert sein Leiden

Die Coronavirus-Pandemie betrifft uns alle. Manche von uns wesentlich härter als andere. Herr K. ist professioneller Einbrecher und gehört zu Zweiteren. Hier schildert er seine Probleme als Direktbetroffener.



Herr K. verschafft sich hauptberuflich Zugang zu fremden Haushalten, um zu stehlen. Die vom Bundesrat indirekt empfohlene Parole #StayTheFuckHome schlägt sich direkt auf sein Geschäft nieder. Im Interview mit watson schildert er seine Lage und holt zum Rundumschlag aus.

Herr K., wie geht es Ihnen?
Herr K.: Naja (hustet). Es ist beruflich eine harsche Zeit. Da muss ich wohl nichts beschönigen.

Sie sind hauptberuflich als professioneller Einbrecher tätig. Schildern Sie uns doch, inwiefern der momentane Notstand Ihr Geschäft beeinträchtigt.
Nun, als renommierter Gegenstandsentwendungstechniker
ist man stark von den Bewegungszyklen der hiesigen Gesamtbevölkerung abhängig.

«Es gibt Lichtblicke. Ein gewisser Teil der Bevölkerung missachtet die Empfehlungen des Bundesrats. Das verschafft ein wenig Luft.»

Herr K.

Können Sie das präzisieren?
Wir sind auf Out-of-Home-Situationen angewiesen, um mit unserer Arbeit die Sicherheit unserer Klienten nicht zu gefährden. Das hat immer oberste Priorität. Das grossflächige Home-Office-Regime und das suggerierte Ausgehverbot, das wir gerade erleben, verunmöglicht es uns, Gegenstandsentwendungen ohne Verletzung unserer Sorgfaltspflicht vorzunehmen.

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Ein Bild aus glücklicheren Tagen: Herr K. bei der Arbeit, als die Krise noch unvorstellbar war. Bild: shutterstock

Wäre Ihre Branche nicht auf staatliche Hilfsmittel angewiesen?
Generell stehen wir als Branche dem Staat kritisch gegenüber. Unsere Arbeit ist per definitionem auch eine Systemkritik. Daher: Verzicht aus Prinzip.

Wie halten Sie sich persönlich über Wasser, wenn Sie Subventionen kategorisch ausschliessen?
Es gibt Lichtblicke. Ein gewisser Teil der Bevölkerung missachtet die Empfehlungen des Bundesrats. Das verschafft ein wenig Luft.

Wer sind diese Leute?
Darunter sind viele Rentner, die unser Wohl über ihr eigenes stellen. Vermutlich zum letzten Mal in ihrem Leben. Das ist rührend. Aber es gibt auch immer mehr aus den jüngeren Generationen, die helfen. Also jene Generationen, die sich jahrelang damit gebrüstet haben, am liebsten einfach alleine zuhause zu «chillen» und nun urplötzlich unbedingt raus müssen. Oder wollen. Um uns zu helfen. Wer weiss.

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Home Office auch in der Einbrecherbranche. Hier hält sich Herr K. gemütlich vom heimischen Bett aus fit in Sachen Geschicklichkeit. Die Krise ist auch für ihn ein Geduldspiel. (Privataufnahme) Bild: watson / shutterstock

Wie stehen Sie denn persönlich zum Entscheid des Bundesrats?
Den unterstütze ich kompromisslos. Je konsequenter wir jetzt handeln, desto schneller kehrt wieder Normalität ein. Zudem lebt, wie ich in meiner langjährigen Karriere erfahren durfte, ein Grossteil der Bevölkerung sehr komfortabel und ästhetisch durchaus ansprechend. Darum fehlt mir das Verständnis für das Fehlverhalten vieler Schweizerinnen und Schweizern.

Trotzdem bleiben einige brav zuhause. Bedeutet das, dass Sie vorübergehend auf Nachtschichten umdisponieren müssen?
Nein. Es braucht eine Abgebrühtheit sondergleichen, um den Anblick von selig schlafenden Menschen ertragen zu können, während man selber konzentriert Schwerstarbeit zu verrichten hat. Plus: das Schnarchen ist so, als würden sie lautstark damit angeben, wie scheiss-entspannt sie gerade sind. Das ist nervlich schwer zu ertragen.

Eine zu grosse Belastung für Sie?
Ja, aber nicht nur das. Ich bin ein Fan der Privatsphäre, meide den direkten Kontakt. Meine Klienten wissen dies zu schätzen, nehme ich an. Jedenfalls habe ich noch nie negatives Feedback erhalten.

«Social Distancing gehört seit jeher zu den Kernkompetenzen meines Berufs. Schön, dass dies nun auch in der breiten Bevölkerung Beachtung findet.»

Herr K.

Was könnten zukünftige Konsequenzen der jetzigen Situation auf Ihr Geschäft sein? Wagen Sie eine Prognose.
Die effektiven Langzeitauswirkungen sind für uns Gegenstandsentwendungstechniker schwer zu antizipieren. Wir rechnen mit einem Rückgang der Kaufkraft, was sich unweigerlich in einer Qualitäts- Und Quantitätsminderung der akquirierten Neuprodukte unserer Klienten nach der Krise niederschlagen wird. Der Trickle-Down-Effekt wird sich auf unsere Arbeit auswirken.

Das klingt happig.
Das ist happig! Aber wie mein Mentor ███████ immer gesagt hat: «Das Einzige, was du niemals entwenden darfst, ist dein Sinn für die Realität». Dem ist tatsächlich so. Träumer haben in unserem Geschäft eine kurze Lebenserwartung.

Wie gehen Sie im Arbeitsalltag momentan vor?
Nicht anders als sonst. Social Distancing gehört seit jeher zu den Kernkompetenzen meines Berufs. Schön, dass dies nun auch in der breiten Bevölkerung Beachtung findet. Auch das Tragen von Handschuhen und Masken ist bei uns ohnehin Pflicht. Husten und Niesen beim Job ist aufgrund der Lärmvermeidungspflicht ebenfalls ein No-Go. Bis auf die knapperen Optionen also «BAU» («business as usual», Anm. d. Red.).

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Herr K. zeigt die ideale Arbeitskleidung beim Socially-Distanced-Interview. Bild: watson / shutterstock

Hat sich nichts geändert?
Doch, klar, die Gegenstände. Mittlerweile kriegt man gute Preise für WC-Papier und Desinfektionsmittel. Auch Teigwaren und Brot-Back-Utensilien sind hoch im Kurs. Die Auswahl an Haushalten wird knapper, die darin interessanten Gegenstände hingegen mannigfaltiger. Das alles wird vor allem dann relevant, wenn die leerstehenden Büros dann endgültig ausgeräumt sind.

Sie klauen also einfach jene Gegenstände, die Menschen momentan dringen brauchen?
Moment, ich beklaue niemanden, ich entwende Güter zur gemeinnützigen Umverteilung. Aber lassen wir die definitorischen Spitzfindigkeiten. Auf ihre Frage antworte ich Ihnen gerne mit einer Gegenfrage: Wann haben sie zuletzt 7'980 WC-Rollen, 650 kg Pasta, 175 Liter Desinfektionsmittel, 130 kg Mehl und 15 kg Hefe gebraucht – all das in einem Monat?

«Ein System, das Hamsterkäufer hervorbringt, ist ein System, das dem Ende geweiht ist.»

Herr K.

Vermutlich nie. Auf was wollen sie heraus? Es ist in unserem Rechtssystem nichtsdestotrotz illegal.
Mir egal. Wie gesagt, war noch nie ein Freund des Systems. Ein System, das Hamsterkäufer hervorbringt, ist ein System, das dem Ende geweiht ist.

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Seiner Zeit voraus: Als einer der ersten setzte sich Herr K. für eine fortschrittliche und nachhaltige Gegenstandsentwendungsbranche ein, hier bei einem Gipfeltreffen im Jahr 2005. (Archivaufnahme) Bild: watson / shuttertsock

Schlägt Ihnen die momentane Lage derart auf die Nerven, dass Sie sich mit Weltuntergangsszenarien herumschlagen?
Nein. Aber wir haben eine Coronavirus-Pandemie, die erwiesenermassen nur eine bestimmte, definierbare Bevölkerungsgruppe betrifft. Mit Disziplin, Solidarität und Verstand sollte dieser Umstand eigentlich schnell und effizient zu auszumerzen sein. Eigentlich. Doch wir schaffen es nicht. Raten Sie mal, wie tief verankert das «Schweizer Solidaritätsprinzip» wirklich sein wird, wenn die Kacke mal so richtig dampft.

Erwarten Sie in dieser Lage Mitgefühl für Einbrecher?
Gegenstandentwendungstechniker werden oft falsch verstanden, darum wäre es falsch, das zu erwarten.
Aber wenn die Menschen daran denken würden, dass auch ihre Nächsten Gegendstandentwendungstechniker sein könnten, ohne dass sie davon wüssten, und sie ihre Existenz so mit ihrem kurzsichtigen Verhalten gefährden könnten, würde es anders aussehen.

Mit dieser Aussage wollen Sie wohl eine metaphorische Brücke zur Corona-Pandemie schaffen.
Ja. Ziemlich allegorisch, nicht?

Durchaus.
Man nennt mich nicht umsonst «Soklautes».

Aha, Sie klauen also doch!
(Doch Herr K. hat sich bereits unbemerkt davongestohlen.)

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