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usa tournee hillbilly moon explosion rock'n'roll

Klar, das Touren an sich beinhaltet vor allem das hier ... Bild: watson/obi

Traum oder Albtraum? So ist es, als CH-Rock'n'Roll-Band in den USA auf Tour zu sein

Mit der eigenen Band die USA zu bespielen – der Traum etlicher europäischer Bands? Unser Autor macht genau dies – und räumt mit ein paar Vorurteilen auf.



Gestatten, ich heisse Oliver und habe eben eine dreiwöchige USA-Tournee mit meiner Band hinter mir. 14 Konzerte. Zuerst ein Festival in Nashville und danach von L.A. hinauf nach Seattle und wieder runter.

Wie, was jetzt?

Nun, ich arbeite in einem 60%-Pensum bei watson, wo ich über Food, Autos und sonstigen Kram schreibe (und die beste Chefin der Welt habe). Den Rest meines Erwerbs bestreite ich als Musiker – hauptsächlich als Kontrabassist und Songwriter bei The Hillbilly Moon Explosion. Das hört sich ungefähr wie folgt an:

Vor ein paar Jahren schrieb ich schon mal so einen selbstbeweihräuchernden 🙄 Bericht:

Damals wurde untersucht, wie es denn so genau ist, als Indie-Band Europa zu bespielen, denn es heisst ja immer wieder von Schweizer Acts, sie würden so gerne mal «im Ausland durchstarten» (um den nervigen Promo-Jargon zu bemühen). Mal in Paris spielen, das wär geil. Mal in Berlin spielen. Mal in London spielen. Tja, genau das machen wir. Wie das geht? Jahrelange, mühevolle Kleinarbeit steckt dahinter – eben, wie im obigen Artikel beschrieben.

«Come to Australia!» «Finland please!» «Any plans to play Mexico?» «Come to Indonesia!» Es ist sehr berührend, wie Fans auf Social Media einem auffordern, sie in ihrer Heimat zu bespielen. Und da das Echo aus den USA gross zu sein schien, beschlossen wir, die Möglichkeit einer US-Tournee zumindest zu überprüfen. Ich liess mich von ein paar amerikanischen Musiker-Kumpels einige Booking-Agenturen empfehlen und schrieb diese an. Ja, man kenne die Band, hiess es als Antwort. Eine Tour wäre durchaus machbar.

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Hillbilly Moon Explosion: Eine Zürcher Band auf Europa-Tournee
quelle: facebook/hillbillymoon / fabien dubois
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US-Tournee? Vor nicht allzu langer Zeit wäre dies der heilige Gral für jede Band gewesen: Im Ursprungsland des Rock’n’Rolls zu touren. Heute? Naja, vielleicht bin ich schlicht nicht jung und naiv genug, um die nötige idealistische Begeisterung aufzubringen. Klar, bin ich dabei, aber nicht um jeden Preis. 

Die Frage drängt sich auf: Solange wir hierzulande genügend zu tun haben, weshalb müssen wir die Strapazen auf uns nehmen, um die halbe Welt zu reisen, um dasselbe zu tun? Die alten Argumente des grösseren amerikanischen Musikmarkts, etwa, zählen längst nicht mehr, denn auch in den USA kauft niemand mehr Alben. Unser eine Song «My Love for Evermore» mag inzwischen fast 14 Millionen Views auf YouTube haben; schön und recht, aber, nein, leider bedeutet dies nicht, dass wir 14 Millionen Tonträger verkauft haben.

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Aber dafür lassen sich Leute Tattoos vom Songtext stechen. Ist schön. Video: YouTube/Renaud S

Dazu kommen ungeheure ökonomische und administrative Hürden: Um ein P-1 Performing Artist Visa zu bekommen, muss man eine Anwaltskanzlei beauftragen, im Namen der Band bei der US Einwanderungsbehörde die juristische Argumentation zu liefern, weshalb ausgerechnet diese Ausländer in den USA auftreten sollen. Kommt auf rund 5000 Dollar. Und dies bevor auch nur ein Flug gekauft, Tourbus gemietet und Hotel gebucht wurde. Einige Bands versuchen dies zu umgehen und wollen per Touristenvisa einreisen. Nicht wenige werden an der Grenze zurückgewiesen und mit einem fünfjährigen Landesverweis bestraft. Nö, das ist mir zu riskant. Und wenn ich schon um die halbe Welt fliegen muss, will ich auch, dass die Konzerte promotet werden können.

performing visa oliver baroni

Klar, schau' ich grimmig rein. War auch langsam genervt. Bild: watson/obi

Also müssen Pressedossiers zusammengestellt, Konzertflyers gesammelt, Albenkritiken zitiert und alles unserer Anwältin Gerri Marshall übergeben werden, damit sich auf juristischem Wege den künstlerischen Wert der Hillbilly Moon Explosion eruieren lässt. Dies alles gestaltet sich mitunter ziemlich schwierig: Für die Visa-Petition benötigt man logischerweise auch die Konzertverträge. Doch in den USA, anders als in Europa, werden Gigdaten erstaunlich kurzfristig gebucht (zum Teil knapp einen Monat vorher). Und so wird es, obwohl wir schön brav alles nach Vorschrift gemacht haben, am Ende eine Zitterpartie, ob wir die Deadline schaffen. Schlussendlich bekommen wir die Visas EINEN Tag vor Abflug. Mann, ist das schlecht fürs Nervenkleid!

Okay, und jetzt kommen wir zum angenehmen Teil: Einmal in den USA angekommen, ist das Touren an sich schön. Die Bookingagentur hat die Northwest Tour, wie sie es nennen (wir wollten uns nur auf die Westküste beschränken) ziemlich gut gelegt.

Tja, geklappt hat's dann. Bild: atomic music group

Ja, ab und an ist eine 7-stündige Strecke zu fahren, doch das kennen wir von Frankreich bereits. Und das Panorama auf gewissen Strecken ist atemberaubend). Das Essen ist ziemlich überall grossartig (schade, gibt's in der Schweiz keine annähernd so gute Street Tacos). Unsere Vorgruppe The Hard Fall Hearts, die uns während den zweieinhalb Wochen begleitet, sind supernette Jungs, kooperativ und pünktlich. Die Fans sind so was von rührend; sie bedanken sich, dass wir den Weg zu ihnen gefunden haben und entschuldigen sich für Trump. Und, ja, die Konzerte, die gehen ordentlich ab.

Unsere Sängerin Emanuela ist sich mittlerweile gewöhnt, dass nach dem Konzert für sie die zweite Halbzeit beginnt – ergo: Beim Merchandise-Tisch stehen und Autogramme geben, mit den Fans für Selfies posieren. In den USA ist es nicht anders … bloss krasser. Nach dem Konzert in Los Angeles dauert es mehr als eine Stunde, bis alle durch sind. Und schön brav angestanden sind sie auch noch.

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Glaubt ihr, das ist harte Arbeit imfall. Bild: instagram

Ohnehin erweist sich Südkalifornien als Stammland der Hillbilly Moon Explosion. Klar, in Portland OR an einem Freitagabend oder Seattle WA an einem Samstagabend sind die Clubs voll, aber die Abende unter der Woche müssen auch gefüllt werden, weshalb es in Bend OR an einem Mittwochabend auch mal weniger Leute geben kann. Wieder in Kalifornien angelangt, sind die Shows wieder ausverkauft. Geil.

Interessanterweise besteht dort unser Publikum auch zu 98 Prozent aus Hispanics. Die heissen dann Maricela und Amal und Luis und parlieren untereinander in einem Hybrid aus Spanisch und Englisch, analog wie man es von den Secondos in der Schweiz kennt mit ihrem Italo-Schweiderdeutsch-Slang. Nach dem Gig in Santa Cruz wurde ich von einem Local als badass cabrón betitelt. Ich fühlte mich richtiggehend geehrt.

Cool war’s, muss man konstatieren. Und teuer. Die finale Abrechnung ist nicht gemacht, aber selbst mit Unterstützungsbeiträgen der Pro Helvetia (Dank hierfür, übrigens!) wird die gesamte Unternehmung wohl bestenfalls Kostendeckend. Ja, die Dollars für die Visas schlagen hier zu Buche. Und die Flüge. Und die Tatsache, dass die Veranstalter (anders als überall sonst auf der Welt) nicht für Hotels aufkommen. Unser Agent drängt aber schon darauf, innerhalb des Jahres (so lange sind die Visas gültig) eine weitere Tour zu machen, damit wir die Kosten rein holen.

usa tournee hillbilly moon explosion rock'n'roll

Klar, dieses Instagram-Obligtorium musste sein. Bild: watson/obi

Wie ist es also, als Schweizer Indie Band in den USA zu touren? Traum oder Albtraum? Weder noch. Von kleineren kulturellen Unterschieden zu anderswo mal abgesehen ist es letztendlich Business as usual: Stundenlang im Bandbus sitzen. Mit wenig Schlaf auskommen. Lauten Rock’n’Roll spielen. Und das ist ein wunderschönes Privileg.

Der Grund, weshalb man diese Strapazen auf sich nimmt, bleibt derselbe: It’s the music, stupid! Nichts ist unmittelbarer und direkter als der gegenseitige Austausch an Energie und Emotionen zwischen Musiker und Publikum. Wir haben ungeheures Glück, dies machen zu dürfen. Demut ist angesagt. Und Dankbarkeit.

See you somewhere on the road. x

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ZH-Band Hillbilly Moon Explosion: Schnappschüsse der USA-Tour
quelle: watson/obi / watson/obi
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