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Die Bossard Arena ohne Zuschauer beim Eishockey Meisterschaftsspiel in der Qualifikation der National League zwischen dem EV Zug und dem HC Davos vom Dienstag, 5. Januar 2021 in Zug. (KEYSTONE/Urs Flueeler).

Die Zuger Bossard Arena wirkt ohne Zuschauer kühl und steril. Bild: keystone

Eismeister Zaugg

Eishockey ohne Gefühle – oder wenn der Torhüter plötzlich zur Arbeit statt zum Spiel geht

Und auf einmal sind Geisterspiele Alltag geworden. Der Mensch gewöhnt sich eben an alles. Noch nie war es so einfach zu sagen: verloren? Na und?



Der 28. Februar 2020 ist ein historisches Datum in der Geschichte unseres Hockeys. An diesem Tag werden wegen der Virus-Krise die ersten Geisterspiele ausgetragen.

Ach, war das eine Aufregung! Spiele ohne Publikum! Das geht nicht! Das ist ein Wahnsinn! Das Ende der Welt ist nahe! So ist Sport nicht möglich! Schon geriet man in Versuchung, das Ende des Abendlandes auszurufen. Tatsächlich wird die Meisterschaft 2019/20 nach der Qualifikation, nach zwei Runden mit Geisterspielen abgebrochen. Playoffs als Geisterspiele? Völlig undenkbar!

Leere Zuschauerraenge im Zuercher Hallenstadion beim Eishockeyspiel der National League ZSC Lions gegen den EV Zug am Samstag, 29. Februar 2020. Wegen dem Coronavirus findet das Spiel unter Ausschluss der Oeffentlichkeit statt. (KEYSTONE/Walter Bieri)

So war das damals. Bild: KEYSTONE

Fantasievolle, tiefgründige, philosophische, wunderbar komponierte Texte sind über das Phänomen der Geisterspiele im letzten Frühjahr verfasst worden. Über die einmalige, noch nie dagewesene Stimmung in den leeren Hockey-Tempeln. In der Gewissheit: So etwas bleibt die absolute Ausnahme. So etwas wird es sicher nie mehr geben. Im nächsten Herbst wird alles wieder so sein, wie es einmal war.

Privilegierte Berichterstatter

Wir gewöhnen uns an alles. Auch an Geisterspiele. Inzwischen sind mehr als 150 davon ausgetragen worden. Es gibt bange Fragen: Wie lange können die Hockeyunternehmen Geisterspiele durchhalten? Wird der Sport, so wie wir ihn kennen, nicht mehr so schnell zurückkehren? Werden die Spiele künftig tatsächlich in leeren Stadien nur noch fürs Fernsehen gespielt? Als seien die Hockey-Tempel überdimensionierte TV-Studios?

Sportchefin Florence Schelling spricht mit Journalisten nach einer Vorsaison-Medienkonferenz des SC Bern, am Montag, 31. August 2020 in der Postfinance Arena, in Bern. (KEYSTONE/Anthony Anex)

Interviews zu Corona-Zeiten. Bild: keystone

Wir haben diese Fragen schon fast verdrängt und denken: die Dinge werden sich eines Tages wieder normalisieren. Und vorerst bleibt diese eigenartige, unheimliche, seltsame Faszination der Geisterspiele.

Noch nie seit der Erfindung des Buchdruckes im 15. Jahrhundert waren Berichterstatterinnen und Berichterstatter so privilegiert wie heute. Sie gehören zu den wenigen Auserwählten, die Zutritt zu diesen Geisterspielen haben. Und werden behandelt wie Fürstinnen und Fürsten. Keine Verkehrsstaus vor und nach dem Spiel. Parkplätze gratis praktisch «vor dem Loch». Kein Gedränge beim Eingang. Kein Gedränge beim Ausgang. Kein Gedränge auf der Tribüne. Kein Gedränge auf den Toiletten. Keine Ordnerinnen und Ordner. Als sei man daheim in der ungeheizten Wohnstube.

Früher «dampften» die Spieler manchmal nach einer Partie vor Emotionen. Vor Interviews mussten sie sich erst ein wenig beruhigen. Die tapferen Schiedsrichter verzogen sich gar oft unter tausendfachen Schmähungen und Verwünschungen in den Bauch des Stadions. Wo sie in der Kabine Schutz und Ruhe fanden wie ein vom Gewittersturm überraschter Wanderer.

Die Schiedsrichter profitieren

Die Schiedsrichter gehören zu den grossen Gewinnern der Geisterspiele. Der Druck ist weg. Was die Beurteilung der Schiedsrichter ausserordentlich erschwert. Früher haben die Zuschauerinnen und Zuschauer ihr Urteil über die Leistung der vermeintlich parteiischen Unparteiischen gefällt.

Und jetzt? Gar nichts mehr. Die Schiedsrichter dürfen unbeeinflusst vom Publikum souverän ihres Amtes walten. Und wie soll man erkennen, ob es ein Fehlentscheid war, wenn es keine Reaktionen auf den Tribünen gibt? Keine Stürme der Entrüstung. Keine Proteste. Niemand reklamiert. Niemanden mehr scheint ein falscher Pfiff, ein Foul, ein aberkanntes Tor zu kümmern.

Rund 3000 Zuger Eishockey Fans geniessen das Spiel beim Eishockey Meisterschaftsspiel in der Qualifikation der National League zwischen dem EV Zug und den ZSC Lions vom Freitag, 23. Oktober 2020 in Zug. (KEYSTONE/Urs Flueeler).

Im Oktober 2020: Als die Stadien noch zu zwei Dritteln gefüllt werden konnten. Bild: keystone

Aber auch sonst ist vieles viel ruhiger. In den Erregungen des Abends verstieg sich früher hin und wieder mal ein Trainer oder ein Sportchef oder ein Spieler zu unsachgemässen Urteilen über die Leistung der Schiedsrichter oder sonstiges Ungemach. Das ist nicht mehr nötig. Noch nie war es so einfach zu sagen: verloren? Na und? Und die Frage ist berechtigt: Macht eine Polemik so eigentlich noch Sinn?

So ruhig und sachlich wie heute waren die Aussagen der Spieler, Trainer und Sportchefs eigentlich noch nie. Ach, wäre das ein Schauspiel, wenn der SCB unter dem «Volldampf» einer gefüllten Arena auf den letzten Platz abrutschen würde! Ach, wie würde da die Volksseele kochen! Was würden da für Schriftbänder und Plakate hochgehalten! Und erst die Pfeifkonzerte! Es würde sich in Bern anhören wie der Start eines Jets. Und als das Gerücht die Runde machte, er werde zu Gottéron wechseln – wie wäre da Raphael Diaz in Zug durchs Fegefeuer gegangen!

PostFinance Top Scorer Zugs Raphael Diaz im Eishockeyspiel der National League zwischen den Rapperswil-Jona Lakers und dem EV Zug, am Freitag, 2. Oktober 2020, in der St. Galler Kantonalbank Arena in Rapperswil-Jona. (PostFinance/KEYSTONE/Gian Ehrenzeller)

Zugs Raphael Diaz muss keine Pfeifkonzerte über sich ergehen lassen. Bild: keystone

Wenn an einem Spieltag im ganzen Land mehr als 40'000 Frauen, Männer und Kinder in die Stadien eilen, in Bern manchmal mehr als 15'000 und selbst in Ambri, am Fusse des Gotthards oder hinten im tiefen Emmental in Langnau mehr als 4000 – dann muss Eishockey etwas Wichtiges, Grosses, Dramatisches sein. Auf jeden Fall viel mehr als einfach ein Spiel.

Eishockey ist plötzlich Arbeit

Und nun können wir mit Bertold Brecht sagen: Stell Dir vor, es ist Eishockey und niemand geht hin. Die ruhigen Abende und Nächte an der Ilfis, auf der Berner Allmend, in der Leventina, in der Resega, im Kleinholz, im Graben, im Schluefweg, im Schoren oder im Hallenstadion haben etwas Unheimliches, Gespenstisches. Ist das alles nur ein böser Traum?

Zur Faszination der Geisterspiele gehört der Gedanke: Ist am Ende alles doch nur ein Spiel? Dreht sich die Welt vielleicht auch dann weiter, wenn sich niemand mehr wegen eines Eishockeyspiels aufregt? Ohne Publikum, ohne Emotionen wird aus einem grossen, dramatischen Schauspiel eine Familienfeier, ein Klassentreffen ohne Bewirtung. Und die Spieler, nicht mehr umjubelt, «schrumpfen» zu ganz gewöhnlichen jungen Männern, die da in ritterähnlichen Rüstungen ein wenig spielen und sich gelegentlich ein wenig raufen. Wie viel Freude bereitet ein Tor noch, wenn nicht mehr Tausende vor Freude und Begeisterung von den Sitzen aufspringen? Es ist Eishockey ohne Gefühle. Zum ersten Mal kommt der seltsame Gedanke auf, es gehe eigentlich um gar nichts und schon gar nicht um Geld, Ruhm und Kohle und Karrieren.

Rappis Torhüter Melvin Nyffeler hat es kürzlich in einem Satz auf den Punkt gebracht: «Diese Saison hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, das ich zur Arbeit und nicht zu einem Spiel gehe.»

Rapperswils Goalie Melvin Nyffeler im Eishockey Spiel der National League zwischen den Rapperswil Jona Lakers und dem HC Lugano am Montag, 28. Dezember 2020, in der St. Galler Kantonalbank Arena in Rapperswil. (KEYSTONE/Alexandra Wey)

Rappi-Goalie Melvin Nyffeler bei der Arbeit. Bild: keystone

Eine leere Welt

Die Ruhe im Stadion erschwert die Arbeit der Korrespondentinnen und Korrespondenten. Nun sind sie dazu genötigt, das Spielgeschehen aufmerksam zu verfolgen. Früher konnten sie ein wenig mit den Kolleginnen und Kollegen plaudern, E-Mails lesen oder SMS-Nachrichten verschicken. Sobald der Geräuschpegel stieg, wandten sie sich wieder dem Spielgeschehen zu und verpassten keine wichtige Szene.

Und da ist noch etwas: Auf einmal ist der Besuch eines Eishockeyspiels das letzte Vergnügen, das einer Journalistin oder einem Journalisten in diesen tristen Zeiten bleibt. Die einzige Gelegenheit, am Abend auszugehen und einem Schauspiel beizuwohnen, dessen Ausgang immer ungewiss ist. Gleichgesinnte zu treffen. Ein wenig zu fabulieren. Eigentlich könnten wir in den Presseräumen auch jassen.

Autokino vor dem Eisstadion mit Liveuebertraung des Eishockey-Qualifikationsspiels der National League zwischen dem HC Davos und dem HC Lugano, am Sonntag, 27. Dezember 2020, im Eisstadion in Davos. (KEYSTONE/Gian Ehrenzeller)

Es geht auch anders. Bild: keystone

Alle Restaurants, Theater, Opernhäuser, Klubs, Bars, Tanzlokale, Wirtshäuser, Partylokale sind geschlossen. Nur noch die Hockeytempel sind für die Auserwählten geöffnet. Und dazu gehören die Abgesandten der geschriebenen und gesendeten Medien.

Auch das gehört zu der Faszination der Geisterspiele: der Gedanke, der mich auf einmal verschreckt: Was wäre diese Welt noch ohne Hockey-Geisterspiele? Sie wäre leer.

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