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SC Bern Spieler und HC Fribourg Gotteron Spieler kaempfen um den Puck, beim Eishockey Meisterschaftsspiel der National League zwischen dem SC Bern und den HC Fribourg Gotteron, in der Postfinance Arena in Bern. Die fuer Freitag und Samstag angesetzten Spiele in der Eishockey National League finden wegen der Ausbreitung des Coronavirus vor leeren Zuschauerrängen statt. (KEYSTONE/Anthony Anex)

Stell dir vor, der SCB spielt und keiner geht hin. Bild: KEYSTONE

Eismeister Zaugg

Das absurdeste Spiel in der Geschichte des SCB

Geisterspiel im grössten Hockey-Tempel Europas. Der SC Bern gewinnt gegen Gottéron in der Verlängerung (1:0) und hält die Playoff-Hoffnungen am Leben. Ein Geisterspiel, irgendwie absurd wie Nordkorea.



Das Ganze ist unverhofft gekommen. Fast wie ein Dieb in der Nacht. Im Editorial des Matchprogramms schreibt Kultstürmer Tristan Scherwey noch: «Wir müssen gewinnen. Dabei brauchen wir unsere Fans, egal wie es steht. Gegen die Rapperswil-Jona Lakers hat man es gesehen. Unser Publikum wusste, dass wir besser spielen können, als wir es im zweiten Drittel gezeigt hatten. Und die Fans haben uns zum Sieg getragen. Diese Unterstützung brauchen wir heute wieder. Unbedingt.»

Wir sehen: die Fans sind gerade in Bern wichtig. Aber gegen Gottéron, im wichtigsten Heimspiel der Saison, sind die Fans nicht da. Sie dürfen nicht da sein. Geisterspiel. Die Behörden verbieten Anlässe mit mehr als 1000 Besucherinnen und Besucher. Der SCB hätte diese staatlich verordnete Obergrenze um das 17-fache übertroffen.

Berns Beat Gerber, links, und Berns Vincent Praplan, kommen auf dem Eis, beim Eishockey Meisterschaftsspiel der National League zwischen dem SC Bern und den HC Fribourg Gotteron, in der Postfinance Arena in Bern. Die fuer Freitag und Samstag angesetzten Spiele in der Eishockey National League finden wegen der Ausbreitung des Coronavirus vor leeren Zuschauerrängen statt. (KEYSTONE/Anthony Anex)

Wie beim Training. Bild: KEYSTONE

Stell dir vor, es ist Eishockey in Bern und niemand geht hin. Ein paar Buben spielen auf dem offenen Eisfeld vor dem Hockey-Tempel. Aber sonst ist es gespenstisch ruhig. Der Fanshop ist geschlossen. Der Platz vor dem Stadion beinahe menschenleer. Beim Haupteingang stehen gelangweilt zwei Ordnungskräfte der Broncos (einer der beiden ist übrigens ein Langnau-Fan) und weisen darauf hin, dass nur die Türe Nummer 2 offen ist.

«... dann ist das alles so absurd wie Nordkoreas sterile, künstlich herausgeputzte Hauptstadt für einen ausländischen Besucher.»

«Stille Tage in Bern». Eine unerklärliche Spannung liegt in der Luft, aber alles ist so seltsam ruhig als sei der Friede künstlich. Alles surreal. Befohlen. Nicht freiwillig. Irgendwie auch unheimlich. Als schwebe über allem eine nicht sichtbare Gefahr (was ja eigentlich der Fall ist).

Auf einmal kommt mir in den Sinn, wo ich dieses seltsame, irgendwie beklemmende Gefühl der Irrationalität schon einmal hatte: auf dem beaufsichtigten Abendspaziergang durch Nordkoreas Hauptstadt Pjöngjang in Begleitung meiner Freundin und zwei Vertretern von Kims Geheimdienst. Dieses Bild mag nun gar überzeichnet sein – aber wenn wir politische Hintergründe und Ideologie einfach ausblenden und nur diese seltsame, graue Abendstimmung zu erklären versuchen – im Wissen, dass es doch anders sein könnte und müsste – dann ist das alles so absurd wie Nordkoreas sterile, künstlich herausgeputzte Hauptstadt für einen ausländischen Besucher.

Tribune ohne Spektator fotografiert, beim Eishockey Meisterschaftsspiel der National League zwischen dem SC Bern und den HC Fribourg Gotteron, in der Postfinance Arena in Bern. Die fuer Freitag und Samstag angesetzten Spiele in der Eishockey National League finden wegen der Ausbreitung des Coronavirus vor leeren Zuschauerrängen statt. (KEYSTONE/Anthony Anex)

Zuschauerzahl: 1. Bild: KEYSTONE

Geisterspiel. In Zusammenarbeit mit den Behörden hat die Liga festgelegt, wer doch ins Stadion darf. Die Spieler, die Betreuer, die für den Ablauf des Spiels notwendigen Funktionäre, die Chronistinnen und Chronisten, die Angestellten der SCB Eishockey AG plus, die für den minimalen Beizenbetrieb erforderlichen Fachkräfte der Gastro AG. Und sonst absolut niemand. Ein paar Menschen sitzen nun während des Spiels in einer losen Gruppe im riesigen Stadion auf der Tribüne hinter den Spielerbänken wie Zugvögel, die den Abflug nach Süden verpasst haben und nicht mehr recht weiterwissen.

Die Technik lässt sich auch für ein Geisterspiel nicht austricksen. Das Intro läuft unerbittlich wie immer. Der Berner Marsch tönt im riesigen, leeren Stadion, wie wenn die Musikgesellschaft Belp in einem leeren Hangar beim Flughafen im Belpmoos für das nächste kantonale Musikfest üben würde. Und weil zwischen dem Ende des Intros auf dem grossen Videowürfel und dem Spielbeginn ja ein «Einheizer» auf dem Eis kurvend die Spieler aus den Kabinen ruft, gibt es eine längere Kunstpause, bis das Spiel beginnt. Der «Einheizer» darf nicht ins Stadion – Geisterspiel! – die Spielervorstellung entfällt und so stehen Hans Kossmanns Männer ein bisschen ratlos, wie bestellt und nicht abgeholt um die blaue Linie herum und warten auf ihre Herausforderer. Nach dem Spiel wird übrigens auch das übliche Rahmenprogramm (Auszeichnung der besten Spieler) entfallen. Die Sponsorenvertreter – Geisterspiel! – dürfen ja auch nicht ins Stadion.

Der Eingang zur Postfinance-Arena ist geschlossen vor dem Eishockey Meisterschaftsspiel der National League zwischen dem SC Bern und den HC Fribourg Gotteron, in der Postfinance Arena in Bern. Die fuer Freitag und Samstag angesetzten Spiele in der Eishockey National League finden wegen der Ausbreitung des Coronavirus vor leeren Zuschauerrängen statt. (KEYSTONE/Anthony Anex)

Stell dir vor der SCB spielt und keiner geht hin. Bild: KEYSTONE

Bloss eine handverlesene Schar wird nun Zeuge eines seltsamen Spektakels. Es wird hochstehendes, intensives Eishockey zelebriert. Die Berner dominieren (38:19 Torschüsse), finden aber erst mit dem ersten Angriff in der Verlängerung einen Weg, um einen Reto Berra in Weltklasse-Form zu überwinden.

Ein vorwitziger Chronist wollte die Partie hinter der SCB-Spielerbank verfolgen. Er wird vom tüchtigen Medienchef strengstens auf die Pressesitze zurückbeordert.

Streng wird auf die Ordnung geachtet. Ein vorwitziger Chronist wollte die Partie hinter der SCB-Spielerbank verfolgen. Er wird vom tüchtigen Medienchef Christian Dick strengstens auf die Pressesitze zurückbeordert. Als sei er ein guter Hirte, der nicht duldet, dass da eines seiner Schäflein unter dem Hag hindurchfrisst.

Es ist ein seltsam stilles Spiel und spontan denke ich an einen Romantitel: «Stille Tage in Clichy». Warum nicht «Stille Tage in Bern»? Sozusagen als Gegenentwurf des Klassikers von Henry Miller. Der Amerikaner beschreibt darin wilde, lustvolle Tage in Paris. Der Roman «Stille Tage in Clichy» trägt mit zu seinem Ruf bei, er sei einer der frivolsten Autoren des 20. Jahrhunderts gewesen.

«Stille Tage in Bern» ist hingegen ein sachlicher Tatsachenbericht bar jeder Erotik oder Polemik über einen wahrlich stillen Tag. Geisterspiel. Es ist so ruhig im Stadion, dass die Zurufe der Spieler gut zu hören sind. Einmal scheint es mir, als habe Thomas Rüfenacht hässig zu einem Gegenspieler «f…» gesagt. Verwundern würde es mich nicht. Aber ich bin halt nicht ganz sicher und will mich auf gar keinen Fall dem Verdacht aussetzen, in irgendeiner Form zu polemisieren oder zu übertreiben. Vielleicht war es also nicht der Rüfenacht. Aber «f…» habe ich gehört. Da bin ich mir sicher.

Berns Tristan Scherwey, links, Gotterons topscorer Ryan Gunderson, Mitte, und Gotterons Goalie Reto Berra, rechts, kaempfen um den Puck, beim Eishockey Meisterschaftsspiel der National League zwischen dem SC Bern und den HC Fribourg Gotteron, in der Postfinance Arena in Bern. Die fuer Freitag und Samstag angesetzten Spiele in der Eishockey National League finden wegen der Ausbreitung des Coronavirus vor leeren Zuschauerrängen statt. (PPR/Anthony Anex)

Eishockey gespielt wurde übrigens auch. Bild: KEYSTONE

Lautstark dirigiert Berns Torhüter Tomi Karhunen seine Vorderleute. Er bringt offensichtlich nicht nur durch seine Paraden Stabilität in die Abwehrt. Er ist auch ein Dirigent. Schliesslich sieht er von hinten heraus eine sich anbahnende Gefahr noch besser und früher als seine Verteidiger.

Es werden allerhöchste neue Standards für fairen, anständigen Sport gesetzt: nicht ein einziges Mal gibt es auch nur die leisesten Unmutsäusserungen gegen die Schiedsrichter und natürlich ist keine zusätzliche Eisreinigung notwendig. So haben die tüchtigen Unparteiischen für einmal keinen Grund für Kompensationsentscheide. Ich denke, sie geniessen dieses Geisterspiel. Alles in allem perfektes Eishockey. Und schon wieder kommt mir Nordkorea in den Sinn: in einer ganz ähnlichen Atmosphäre waren die Aufführungen im nordkoreanischen Staatszirkus.

Geisterspiel. Ohne den gleissenden Mantel der Emotionen tendiert der Erlebniswert des Spektakels gegen null. Was ist denn ein Hockeyspiel, wenn es kein gemeinsames Ärgern, Feiern, Bangen, Hoffen, Aufatmen, Jubeln, Hadern, Aufmuntern, Trösten, ungläubiges Staunen, Lachen oder Weinen gibt? Weil kein «Aaaaaaah» und «Ooooooh» durch den Tempel rauscht und braust, kommt sogar der Eindruck auf, die Berner müssten doch, um ihre zweitletzte Chance kämpfend, viel leidenschaftlicher, wuchtiger, härter zur Sache gehen.

«Ich bin auf der Bank so auf das Spiel konzentriert, dass ich das Publikum nicht wahrnehme.»

Bern-Trainer Hans Kossmann

Dieser Eindruck ist falsch. Trainer Hans Kossmann hat recht, wenn er hinterher sagt, seine Männer hätten alles gegeben. «Aber wir haben einfach keinen Weg gefunden, um Reto Berra zu überwinden.» Dass es ein Spiel ohne Publikum war, habe er eigentlich gar nicht realisiert: «Ich bin auf der Bank so auf das Spiel konzentriert, dass ich das Publikum nicht wahrnehme.»

Geisterspiel. SCB-General Marc Lüthi ist es ein Anliegen, dass die SCB-Fans die Partie gratis irgendwo am TV verfolgen können. Also hat er dem TV-Rechtehalter UPC («MySports») die Lizenz für diese eine Partie abgekauft und sogleich an Blick-TV verkauft. So ist es möglich, das Spiel gratis bei Blick-TV zu sehen. Wieviel er in diesen Handel investiert hat, mag er nicht verraten.

Gotterons Goalie Reto Berra, Mitte, reagiert nach der Niederlage (0-1) mit seinem Teamkollegen, beim Eishockey Meisterschaftsspiel der National League zwischen dem SC Bern und den HC Fribourg Gotteron, in der Postfinance Arena in Bern. Die fuer Freitag und Samstag angesetzten Spiele in der Eishockey National League finden wegen der Ausbreitung des Coronavirus vor leeren Zuschauerrängen statt. (KEYSTONE/Anthony Anex)

Freiburg kann jubeln. Bild: KEYSTONE

Der Verlängerungssieg (1:0) hält die Playoff-Hoffnungen am Leben (so es denn Playoffs geben wird): Vor dem letzten Spiel heute Abend in Lausanne hat der SCB einen Punkt Rückstand auf Lugano. Gewinnt Lugano seine letzte Partie gegen Ambri, dann ist die Entscheidung gefallen. Der SCB schafft die Playoffs wegen der schlechteren Bilanz in den Direktbegegnungen nur noch, wenn er einen Punkt mehr holt als Lugano. Gottéron hingegen hat der eine Punkt nach 60 Minuten die Playoffs beschert. So kommt es, dass auf der Spielerbank der Gäste nach 60 Minuten gejubelt wird.

Die Berner bejubeln ihren Siegestreffer eher zurückhaltend. Und mit den «stillen Tagen von Bern» dürfte es so oder so vorbei sein. Die Aufarbeitung dieser missglückten Saison steht an. Unabhängig davon, ob der SCB heute die Playoffs doch noch schafft oder nicht. Es dürfte in den SCB-Büros im Laufe dieses Frühjahrs hin und wieder lauter werden als während dieses Geisterspiels im Tempel. Wir können es literarisch so ankünden: «Laute Tage in Bern.»

Geisterspiel. Als ich zusammenpacke, kommt noch einmal dieses «Nordkorea-Feeling» auf. Ich strebe durch die dunkle Stadionbeiz dem Ausgang zu. Gespenstische Leere. Wie in einem Staatsrestaurant zu Pjöngjang.

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