Sport
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
epa08251625 Visitors wearing face masks take a commemorating photo at the Olympic Rings monument in front of the Japan Olympic Committee headquarters near the new National Stadium (back), venue of the Opening and Closing Ceremony of the Tokyo 2020 Summer Olympic Games, in Tokyo, Japan, 27 February 2020. Preparations for the Tokyo 2020 Olympic Games, scheduled to start on 24 July 2020, continue as planned despite the spreading Covid-19 coronavirus outbreak, organizers confirmed.  EPA/KIMIMASA MAYAMA

Die Coronavirus-Krise wird zu einer Absage der Olympischen Spiele 2020 von Tokio führen. Bild: EPA

Kommentar

Olympische Spiele – die Entlarvung einer rücksichtslosen Geld- und Machtmaschine

Zuerst waren die «Herren der Ringe» verträumte Romantiker, dann naive Idealisten und nun sind sie rücksichtslose Kapitalisten geworden. In der grössten Krise des 21. Jahrhunderts zeigt sich das wahre Gesicht der olympischen Macher. Die Arroganz von IOC-Präsident Thomas Bach ist unerträglich. Eine Polemik.



Dies ist die Geschichte über missbrauchte Ideale und verlorene Träume. Am Anfang steht der adelige Baron Pierre de Coubertin. Inspiriert von seinen archäologischen Ausgrabungen träumt er von der Wiederbelebung der Olympischen Spiele. 1893 gründet er das Internationale Olympische Komitee (heute IOC). 1896 werden in Athen die ersten Olympischen Spiele der Neuzeit organisiert. 262 Sportler aus 13 Nationen kommen nach Athen. Frauen dürfen nicht starten. 2016 in Rio werden es 6161 Männer und 5057 Frauen aus 207 Ländern sein.

epa08289143 Greek actresses in the role of priestesses perform during the Lighting Ceremony? of the Olympic Flame for the Tokyo Summer Olympics, in front of Hera Temple in Ancient Olympia, Greece, on 12 March 2020.  EPA/VASSILIS PSOMAS

Im griechischen Olympia fanden die Spiele der Antike statt. Bild: EPA

Es geht dem Baron aus Paris um internationale Verständigung, ums Überwinden von Nationalismus und Egoismus. Nur Amateure sind zugelassen. Es gibt kein Geld und es ist untersagt, mit dem Olympischen Ruhm Geld zu verdienen. Noch 1972 wird Karl Schranz, der damals weltbeste Abfahrer, wegen verbotener Kaffee-Werbung von den Spielen in Sapporo ausgeschlossen. Ironie der Geschichte: der Weg ist frei für Bernhard Russi, der auch dank des Olympischen Goldes von 1972 zur ersten Werbe-Ikone des helvetischen Sportes wird.

Pierre de Coubertin kann nicht ahnen, wie aus seiner Idee einmal eine globale Werbe-, Geld- und Machtmaschine werden wird. 1913 erfindet er das Logo mit den fünf Olympischen Ringen. Heute eine der wertvollsten Marken überhaupt. Während des 1. Weltkrieges flüchtet er in die neutrale Schweiz nach Lausanne. Deshalb hat das IOC heute seinen Sitz in Lausanne.

ARCHIVE --- VOR 125 JAHREN AM 23. JUNI 1894 WURDE IN PARIS DAS INTERNATIONALE OLYMPISCHE KOMITEE GEGRUENDET. WIR BLICKEN DARUM ZURUECK AUF DIE JUBILAEUMSFEIER AUS DEM JAHR 1944 ZUM 50. JAHRESTAG IN LAUSANNE --- Baron Pierre de Coubertin, sports official, founder of the modern-day Olmpic Games and of the International Olympic Committee (IOC), pictured in 1906. (KEYSTONE/PHOTOPRESS-ARCHIV/Str)

Baron Pierre de Coubertin, Sportfunktionaer, Begruender der modernen Olympischen Spiel und des Internationalen Olympischen Komitees (IOK), aufgenommen im Jahr 1906. (KEYSTONE/PHOTOPRESS-ARCHIV/Str)

Pierre de Coubertin, der Begründer der Olympischen Spiele der Neuzeit. Bild: PHOTOPRESS-ARCHIV

Die olympischen Romantiker sind erst einmal freundliche Gäste und sind froh, dass sie einen Ort finden, wo sie auftreten dürfen. Noch 1900 (Paris) und 1904 (St. Louis) werden die Spiele im Rahmen der Weltausstellung und 1910 in London im Rahmen einer französisch-britischen Messe durchgeführt.

Aber die Olympische Idee gewinnt unaufhaltsam an Strahlkraft. 1936 kommt es zum ersten Sündenfall. Die Nationalsozialisten missbrauchen die Spiele in Berlin für politische Propaganda. Im Mai 1936 hatte der deutsche Kanzler Adolf Hitler dem in finanziellen Nöten steckenden Baron eine Ehrengabe von 10'000 Reichsmark (umgerechnet rund 70'000 Euro) zukommen lassen. Von einem französischen Journalisten darauf angesprochen, wie er dazu komme, die «Nazi-Spiele» zu unterstützen, soll Pierre de Coubertin geantwortet haben, das Wichtigste sei, dass die Spiele grandios gefeiert werden und dabei sei es egal, ob damit Tourismuswerbung für Südkalifornien (wie 1932 in Los Angeles) oder Werbung für ein politisches System gemacht werde.

abspielen

1936 finden die Olmympischen Spiele in Nazi-Deutschland statt. Video: YouTube/British Pathé

Wettstreit der Systeme

Ab der ersten Teilnahme der Sowjetunion (1952) werden die Spiele bis zum Ende des «Kalten Krieges» (1989) zum Wettstreit der Systeme. Der Kommunismus will auf der Olympischen Bühne seine Überlegenheit über den Kapitalismus beweisen. Der «Medaillen-Spiegel» – also die Rangliste der Länder nach gewonnenen Medaillen – wird das Mass aller Dinge und ist es bis heute geblieben.

Ewiger Medaillenspiegel der Olympischen Sommerspiele:

Bild

Von 1896 bis 2016. bild: screenshot youtube

Die naiven olympischen Idealisten lassen sich immer mehr von der Politik vereinnahmen. 1956 boykottieren die Schweiz, Holland und Spanien die Spiele in Melbourne wegen der Niederschlagung des Aufstandes in Ungarn. Es ist bis heute der einzige komplette Boykott der Schweiz. Irak, Kambodscha, Libanon und Ägypten bleiben 1956 wegen der Suezkrise zu Hause.

1972 und 1976 erreichen zahlreiche afrikanische Staaten durch Boykottdrohung den Ausschluss von Südafrika und Rhodesien. 1980 bleiben die USA und weitere 64 westliche Staaten wegen des Einmarsches der Sowjets in Afghanistan den Spielen von Moskau fern. Als Retourkutsche boykottiert die UdSSR zusammen mit 14 Ostblockstaaten vier Jahre später die Spiele in Los Angeles.

FILE - In this Aug. 3, 1980 file photo flag and sign bearers march around Moscow's Lenin Stadium during closing ceremonies of the XXII Summer Olympic Games, August 3, 1980. Sixty-two nations followed a U.S.-led boycott of the games to protest the Soviet invasion of Afghanistan. The IOC's ruling 15-member executive board will meet Sunday, July 24, 2016 via teleconference to weigh the unprecedented step of excluding Russia as a whole from the 2016 Rio Olympic Games because of systematic, state-sponsored cheating. (AP Photo)

1980 finden die Olympischen Spiele in Los Angeles ohne Sowjetunion statt. Bild: AP/AP

1972 sind die Spiele in München durch das Attentat der palästinensischen Terrororganisation «Schwarzer September» erschüttert worden. Elf israelische Geiseln, fünf Terroristen und ein Polizist verlieren bei der missglückten Geiselbefreiung ihr Leben.

Kapitalisten statt Idealisten

Im Dezember 1984 erklärt das IOC die Teilnahme an den Spielen als «prinzipielle Pflicht der Nationalen Olympischen Komitees». Die IOC-Mitgliedländer werden also dazu «verdonnert», teilzunehmen. Aber der Grund, warum von nun an Boykotte kein ernsthaftes Thema mehr sind, ist ein ganz anderer. Das Geld.

Der boykottgeplagten olympischen Familie geht es finanziell nicht gut. 1980 wird Juan Antonio Samaranch IOC-Präsident. 1981 wird der «Amateurparagraph» gestrichen. Der neue IOC-Boss versucht so, die finanziell notleidenden Spiele zu einem Geschäft zu machen. Nun darf jeder seinen Ruhm versilbern und umgekehrt profitieren die Spiele vom Glanz der Superstars. Nun werden aus den einstigen Olympischen Romantikern und Idealisten höchst erfolgreiche Kapitalisten.

International Olympic Committee president Juan Antonio Samaranch opens the games of the 2000 Summer Olympics during the opening ceremony at the Olympic Stadium in Sydney, Australia, Friday, Sept. 15, 2000.   (KEYSTONE/AP Photo/Eric Draper)

Juan Antonio Samaranch hat aus den Olympischen Spielen das gemacht, was sie heute sind. Bild: AP

Die kommerzielle Entwicklung ist atemberaubend. Die Spiele von 1976 in Montréal enden mit einem Defizit von 990 Millionen Dollar und in der Provinz Quebec wird bis 1995 (!) auf jedem Päckli Zigaretten eine Sondersteuer von 25 Cents und eine Immobiliensteuer von 2,5 Prozent erhoben, um das olympische Loch zu stopfen. Aber bereits 1984 wird in Los Angeles unter OK-Präsident Peter Ueberroth ein Gewinn von 215 Millionen erwirtschaftet.

Nun rollt der Rubel. Die TV-Einnahmen betragen für die letzten Winterspiele 2018 in Südkorea und die kommenden Sommerspiele 4,1 Milliarden Dollar. 1976 waren es noch knapp 45 Millionen für die Sommer- und Winterspiele.

epa05453238 People pose for photos in front of Olympic Rings at the Barra Olympic Park prior to the Rio 2016 Olympic Games in Rio de Janeiro, Brazil, 02 August 2016. The Rio 2016 Olympic Games will take place from 05 August until 21 August 2016.  EPA/LAURENT GILLIERON

Olympia, was ist bloss aus dir geworden? Bild: EPA/KEYSTONE

Das Geld hat alles verändert. Inzwischen tritt der IOC-Präsident auf Augenhöhe mit Staatsoberhäuptern und dem Papst auf. Das Emblem mit den fünf Ringen steht für ein globales Milliarden-Imperium. Für eine Werbe-, Geld- und Machtmaschine. Und für Grössenwahn.

Die Spiele, die dem IOC Milliarden bescheren, werden heute in Arenen zelebriert, die den gastgebenden Staat Milliarden kosten. 5,7 Milliarden Franken werden die Spiele von Tokyo verschlingen. Für den «Götzen Olympia» werden Tempel mit dem Geld des arbeitenden Volkes erbaut. Ein Heer von unbezahlten freiwilligen Arbeitskräften («Volunteers») sorgt dafür, dass der Gewinn fürs IOC nicht geschmälert wird. Wenn demokratische Strukturen eine Abstimmung erfordern (also das Volk mitreden darf), können die Spiele inzwischen nicht mehr durchgeführt werden.

Die Sportstätten der Olympischen Spiele 2020 in Tokio:

Dass das Wohl der Athletinnen und Athleten im Zentrum aller Bemühungen steht ist nur noch eine hohle Phrase. Längst gibt es für die Olympischen Spiele in Tokio keine Chancengleichheit mehr. Weil die Athletinnen und Athleten wegen der Welt-Viruskrise gar nicht mehr die gleichen Voraussetzungen bei der Vorbereitung haben. Und es geht um etwas, das unendlich wichtiger ist als Kosten und Kommerz. Die Gesundheit und das Leben aller, die mit diesen Spielen zu tun haben. Eine Verschiebung der Spiele ins Jahr 2021 ist unumgänglich.

Die Arroganz mit der IOC-Präsident Thomas Bach und sein byzantinischer Hofstaat eine Absage und Verschiebung bisher abgelehnt haben, ist schier unerträglich. Wenn je die Kombination von Geld und Macht eine Sportorganisation verdorben und die Ideale und Träume verraten hat, dann im Fall der Olympischen Bewegung der Moderne. Jetzt, während der grössten Krise des 21. Jahrhunderts zeigen die Olympischen Macher ihr wahres Gesicht.

International Olympic Committee (IOC) president Thomas Bach from Germany speaks during a press conference after the executive board meeting of the International Olympic Committee (IOC), at the Olympic House, in Lausanne, Switzerland, Wednesday, March 4, 2020. (KEYSTONE/Jean-Christophe Bott)

IOC-Präsident Thomas Bach wehrt sich vehement gegen eine Olympia-Absage. Bild: KEYSTONE

Aber der machtbewusste, autoritäre IOC-Präsident hat vergessen, dass es eben doch die Spiele der Athletinnen und Athleten sind. Nun drohen sie und nicht Politiker zum ersten Mal in der Olympischen Geschichte mit einem Boykott. Es ist ein Aufstand, der Pierre de Coubertin gefallen hätte. Es gibt doch noch einen Olympischen Geist. Thomas Bach wird sich den Sportlerinnen und Sportlern beugen müssen. Die Spiele werden 2020 nicht wie geplant vom 24. Juli bis 9. August stattfinden. Ende der Polemik.

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Die kuriosesten Geschichten aus 120 Jahren Olympia

Das passiert mit den Olympia-Städten nach den Spielen

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Sport-Klubs haben ein Problem: Die Fans suchen sich neue Hobbys

Spiele finden statt, doch in den Stadien herrscht gähnende Leere. Fussball und Eishockey entfernen sich immer mehr von den Fans. Kehren diese nach Corona überhaupt wieder in die Stadien zurück?

Ein bisschen haben wir uns daran gewöhnt. Daran, dass der Ton aus dem Fernseher ruhiger geworden ist. Daran, dass wir die Spieler hören, wie sie einander Anweisungen geben. Selbst an den Anblick, dass die Sitze verwaist bleiben. Doch auch nach Monaten der leeren Stadien fehlen sie noch immer: die Fans. Sie sind es, die ein Spiel in den Publikumssportarten Fussball und Eishockey zu einem Ereignis machen. Für viele Menschen ist das Stadion auch ein sozialer Treffpunkt.

Und jetzt? Jetzt sitzen die …

Artikel lesen
Link zum Artikel