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May 19, 2019 - Turin, Piedmont, Italy - Andrea Barzagli (Juventus FC) with the trophy of Scudetto during the victory ceremony following the Italian Serie A last football match of the season Juventus versus Atalanta, on May 19, 2019 at the Allianz Stadium in Turin. Juventus won their 35th Serie A title, the eighth in succession. Juventus FC Players Lifts The Trophy Of Scudetto 2018-2019 PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxONLY - ZUMAn230 20190519_zaa_n230_959 Copyright: xMassimilianoxFerrarox

Andrea Barzagli freut sich über den Gewinn des «Scudettos» im Jahr 2019 – es ist sein achter. Bild: www.imago-images.de

Unbesungene Helden

Andrea Barzagli – der beste Beweis, wie unbedeutend Talent im Fussball sein kann

Grosse Stars werden weltweit gefeiert. Sie hängen als Poster an den Wänden der Kinderzimmer, ihre Namen zieren die Trikots der Fans. Aber es gibt auch unbesungene Helden – ihnen widmen wir diese Serie.



Der Sommer 2006 ist einer, den kein Italiener so schnell vergessen wird. Es ist der Sommer, auf den die Fans der fussballverrückten Nation so lange gewartet haben: Die «Azzurri» spielen an der Weltmeisterschaft in Deutschland gross auf und holen den Pokal, den ersten seit 1982. Vor allem die Defensivleistung ist überragend. Ein einziges Gegentor müssen die Italiener aus dem Spiel hinnehmen – ein Eigentor in der Gruppenphase von Cristian Zaccardo. Im Anschluss ist die Defensive auch für die starken Deutschen und Franzosen unüberwindbar.

Der Sommer 2006 könnte auch die endgültige Krönung von Andrea Barzagli sein. Der 25-jährige Innenverteidiger scheint den Weg von der Provinz an die Weltspitze zu schaffen. Über die Serie C und die Serie B hat sich der Toskaner in der Serie A etabliert, bei Palermo, einem Team, das damals in der erweiterten nationalen Spitze etabliert war.

Bildnummer: 02426605  Datum: 22.10.2006  Copyright: imago/Buzzi
Kaka (Milan, re.) gegen Andrea Barzagli (Palermo) - PUBLICATIONxNOTxINxITA; Vdig, quer, Duell, Ball Serie A 2006/2007, 1. Italienische Liga, AC Mailand - US Palermo 0:2 Mailand Dynamik,  Fußball Herren Mannschaft Italien Gruppenbild Aktion Personen

Barzagli kämpft gegen Milan-Superstar Kaka um den Ball. bild: imago images / Buzzi

Real Madrid, Barcelona und Juventus Turin wird Interesse am Shootingstar nachgesagt, auch Nationaltrainer Marcello Lippi hält viel von Barzagli. Er nimmt ihn mit an die WM, eigentlich nur als vierten Innenverteidiger. Nach der Verletzung von Alessandro Nesta und der roten Karte gegen Marco Materazzi im Achtelfinal kommt Barzagli aber im Viertelfinal zu seinem Pflichtspiel-Debüt im dunkelblauen Dress.

An der Seite von Captain Fabio Cannavaro zeigt der Toskaner gegen die Ukraine eine überzeugende Leistung und Italien gewinnt mit 3:0. Da Materazzi danach ins Team zurückkehrt, muss Barzagli wieder auf der Bank Platz nehmen. Doch wenige Tage später darf auch er den goldenen WM-Pokal in die Höhe stemmen.

Bildnummer: 02178101  Datum: 09.07.2006  Copyright: imago/Ulmer
Weltmeister Italien v.li.: Simone Perrotta, Torwart Marco Amelia, Cristian Zaccardo, Filippo Inzaghi, Simone Barone, Vincenzo Iaquinta und Andrea Barzagli mit dem Weltpokal - PUBLICATIONxINxGERxAUTxJPNxHUNxONLY; Christian, quer, close, Pokal, Trophäe, Weltmeisterpokal  Weltmeistertrophäe, Weltmeister, Sieg, Sieger, Jubel, jubeln, Siegesjubel, Keeper WM 2006, Länderspiel, Nationalteam, Nationaltrikot, Finale, Endspiel, Feier, Siegesfeier feiern Vdig Berlin Freude, Begeisterung,  Fußball Herren Mannschaft Gruppenbild optimistisch Randmotiv Personen

Der absolute Höhepunkt von Barzaglis (rechts) noch junger Karriere: Der WM-Titel mit Italien. bild: imago images / Ulmer

Nach dem Titel plötzlich der Rückschritt

Der Weltmeistertitel, der ein Startschuss zur Weltklasse-Karriere hätte sein sollen, erweist sich aber als Stolperstein für Barzagli. Als Weltmeister wird er plötzlich ungeduldig, will einen Wechsel zu einem grösseren Team. Als dieser im Sommer 2006 nicht zustande kommt, ist Barzagli verärgert. In der Folge verliert er den Fokus bei Palermo. «Ich war da ein anderer Mensch nach dieser WM 2006, bei der ich eigentlich Ergänzungsspieler gewesen war», erinnert sich Barzagli später zurück, «ich war ein mittelmässiger Spieler und wollte das nicht akzeptieren. Ich dachte, ich würde einen grossen Verein verdienen.»

So lässt Barzagli im Training nach, was sich auch auf seine Leistungen auswirkt. Im folgenden Jahr sind die Resultate noch gut, in der Saison 2007/08 stürzt Palermo mit Barzagli aber erstmals seit dem Aufstieg 2004 wieder in die untere Tabellenhälfte ab. Statt einem Wechsel zu einem Topteam droht dem frustrierten Verteidiger mittlerweile eine Zukunft in der Mittelklassigkeit.

Wolfsburg-Wechsel dank lukrativem Angebot

Im Sommer 2008 folgt dennoch ein Angebot, das Barzaglis Aufmerksamkeit weckt: Der VfL Wolfsburg, der Fünfte der vergangenen Bundesliga-Saison, wirbt intensiv um den mittlerweile 27-jährigen Verteidiger. Und er bekommt ein Angebot, das sogar ihn selbst überrascht. «Sie haben ein Angebot gemacht, das für einen Spieler wie mich verrückt war», beschreibt es Barzagli später. So wechselt er zum ersten Mal ins Ausland, zum Ärger von Nationaltrainer Marcello Lippi. «Er hat mich angerufen und gesagt: ‹Dein Entscheid gefällt mir nicht›», so Barzagli, der daraufhin nicht mehr für die Nationalmannschaft berücksichtigt wird.

Tatsächlich scheint Lippi Recht zu behalten. Barzagli tut sich zu Beginn schwer in Deutschland. Er versteht die Sprache nicht, braucht einen Dolmetscher, um sich zu verständigen. Und er trifft auf einen Trainer, mit dessen harten Trainingsmethoden er zu Beginn Mühe hat – Felix Magath.

Bildnummer: 04509205  Datum: 23.05.2009  Copyright: imago/Sven Simon
Trainer Felix Magath (Wolfsburg); Vdig, quer, Saison 2008/2009, VFL Wolfsburg, Wolfsburg Fußball 1. BL Herren Mannschaft Deutschland Porträt Randmotiv Personen

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Unter Felix Magath macht Barzagli plötzlich wieder Fortschritte. bild: imago images / Sven Simon

Doch ausgerechnet dieser Magath erweist sich am Ende als Schlüsselfigur in Barzaglis Karriere. Der Deutsche hat keine Angst davor, auch den Weltmeister hart anzupacken. Trainiert dieser nicht richtig, wird er mit einem Berglauf bestraft, den er mit Verteidiger Alexander Madlung auf dem Rücken absolvieren muss. Und er sagt Barzagli seine Meinung: «Er sagte: ‹Weisst du, warum du Schmerzen hast und schlecht trainiert? Weil du nicht an das glaubst, was du tust›», erzählt Barzagli später, «und er hatte Recht, ich trainierte nur mit etwa 70 oder 80 Prozent und alle anderen gaben alles. Ich kam nie an den Ball.»

Der Fussball rückt ins Zentrum

Barzagli nimmt Magaths Worte ernst – und wie. Der zuvor etwas faule Verteidiger arbeitet an seiner Einstellung und schafft es, so intensiv zu trainieren wie noch nie. Der Fussball rückt in Barzaglis Leben noch mehr ins Zentrum. Sogar seine Frau beschwert sich, er denke nur noch daran. «Das war entscheidend», erinnert sich Barzagli rückblickend. «Seither habe ich eine andere Qualität.»

Dank seiner neuen Einstellung wird Barzagli in Wolfsburg gleich zum Schlüsselspieler. Er bekommt von Beginn weg das Vertrauen, spielt stark und wird am Ende mit den Wölfen sensationell deutscher Meister. Dabei verpasst der Italiener als einziger Spieler seiner Mannschaft keine einzige Minute.

VFL Wolfsburg gewinnt 5:0 gegen Hannover Jubel bei den Wolfsburgern von links: Dzeko, Barzagli , Benaglio , Dejagah , Hannover Deutschland *** VFL Wolfsburg WINS 5 0 against Hannover cheering at the Wolfsburg left Dzeko Barzagli Benaglio Dejagah Hannover Germany

Andrea Barzagli (2. von links) gehört wie Diego Benaglio zu den Wolfsburger Meisterhelden. Bild: imago sportfotodienst

Nach dem Titelgewinn 2009 scheint sich Barzagli aber zum zweiten Mal auf dem absteigenden Ast zu befinden. Felix Magath verlässt Wolfsburg und mit ihm der Erfolg. Und nach zwei Trainerwechseln verlässt auch Barzagli Wolfsburg wieder. Er wird im Januar 2011 verkauft, Trainer Steve McLaren, zu dem er kein gutes Verhältnis hat, will ihn nicht mehr. Im Januar holt schliesslich das kriselnde Juventus Turin den Routinier, dessen Vertrag im Sommer ausläuft, für gerade mal 300'000 Euro. Ein Schnäppchen, wie sich später zeigen sollte.

Zweiter Frühling dank neuer Formation

Im Sommer 2011 übernimmt nämlich Antonio Conte in Turin. Der ehemalige Juve-Mittelfeldspieler krempelt die Mannschaft um und lässt im Laufe der Saison plötzlich in einer 3-5-2-Formation spielen, mit Leonardo Bonucci im Verteidigungszentrum und Barzagli mit Giorgio Chiellini an seiner Seite.

Die Umstellung erweist sich auch für Barzagli als Offenbarung. Mit seinen 30 Jahren ist er nicht mehr der Schnellste, was in der Dreierverteidigung aber nicht mehr entscheidend ist. Stattdessen kann er seine beiden grossen Qualitäten ausspielen: das Stellungsspiel und das Zweikampfverhalten. «La Roccia», «der Fels», nennen ihn die Fans, und auch Kollege Bonucci staunt: «Er ist unbezwingbar im Eins gegen Eins. Andrea ist ein Vorbild für alle.»

Es sind genau diese Qualitäten, die Barzagli zu einem unbesungenen Helden machen. Held deshalb, weil er jahrelang zu den besten Verteidigern der Welt gehören sollte. Aber unbesungen, weil es vor allem ausserhalb Italiens nur wenigen auffällt. Denn er spielt nicht die präzisen ersten Bälle wie ein Jérome Boateng, hat keine gefährliche Aura wie ein Pepe, grätscht nicht so spektakulär wie Giorgio Chiellini und hat bei weitem nicht die Torgefahr eines Sergio Ramos. Doch das braucht es bei ihm nicht.

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Einige Highlights aus der Karriere von Andrea Barzagli. Video: YouTube/Fortaleza Productions

Barzagli selbst kennt seine Stärken und weiss, dass genau diese Qualität mit dem Alter immer wichtiger wird, um die um einiges schnelleren Gegenspieler zu stoppen. Vor dem Spiel studiert er die Bewegungen seines Gegners genau, bereitet sich intensiv vor, wie er es in Wolfsburg gelernt hat. «Es gibt mittelmässige Spieler, die mit Opferbereitschaft gross geworden sind. Dazu gehöre auch ich», weiss er mittlerweile.

Titel um Titel und Nati-Comeback

So erlebt der mit wenig Kredit nach Turin gestossene Barzagli im Herbst seiner Karriere seine beste Zeit. Mit der «BBC», wie die Verteidigung um ihn, Bonucci und Chiellini genannt wird, als Prunkstück schaffen Juventus Turin und Andrea Barzagli gemeinsam eine Wiederauferstehung. Nach Jahren in der Mittelmässigkeit gewinnt Barzagli unter Conte dreimal den Meistertitel, seine ersten in Italien. Zudem kehrt er im Alter von 30 Jahren zurück in die Nationalmannschaft. 2012 erreicht er mit Italien den EM-Final, 2014 bestreitet er seine zweite WM. 2016 geht ein Video von ihm um die Welt, als er nach dem EM-Out gegen Deutschland im Interview in Tränen ausbricht.

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Andrea Barzagli bricht im Interview in Tränen aus. Video: YouTube/CONTROCRAMPO

Auch bei Juve behält Barzagli eine wichtige Rolle. Contes Nachfolger Massimiliano Allegri, im Jahr 2000 noch Teamkollege des blutjungen Barzagli bei Pistoiese, stellt zwar im Laufe der Zeit wieder auf eine Viererkette in der Verteidigung um. Dabei wechselt er Barzagli aber oft ein, um mit der altbewährten «BBC» eine Führung über die Zeit zu bringen – es gelingt fast immer. Auch deshalb entwickelt sich Juventus in Italien zum Serienmeister.

Juventus' Andrea Barzagli, Juventus' Leonardo Bonucci, and Juventus' Giorgio Chiellini, from left to right, pose after winning the Serie A soccer title trophy, at the Allianz Stadium, in Turin, Italy, Sunday, May 19, 2019. (AP Photo/Antonio Calanni)

Barzagli, Bonucci und Chiellini (von links) bildeten zusammen eines der besten Abwehr-Trios der Welt. Bild: AP/AP

«Er ist der Professor der Verteidigung», lobt Allegri seinen Routinier und Barzagli nimmt seine neue Rolle ohne zu klagen hin. Er ist der stille Leader in der Mannschaft, wird von allen respektiert, auch wenn er sich gerne zurückhält. Erst im Alter von 38 Jahren hängt Barzagli seine Schuhe an den Nagel, auch in seiner letzten Saison kommt er trotz Verletzungen noch auf zehn Pflichtspiele.

«Ich habe alles gegeben, was ich geben konnte», sagt Barzagli nach seinem Rücktritt. 18 Titel hat er am Ende gewinnen können. 16 davon nach seinem 30. Geburtstag. Die Juve-Fans lieben ihn, aber auch bei den Anhängern der Gegner wird Barzagli respektiert. «Vielleicht weil ich eher ruhig bin», vermutet er. Für Polemik sorgt er während seiner ganzen Laufbahn nie.

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Andrea Barzagli wird in Turin verabschiedet. Video: YouTube/Juventus

Auch nach der Karriere hält sich Barzagli vom Rampenlicht fern. Nur selten gibt er Interviews, auf den sozialen Medien teilt er fast nie Einblicke in sein Privatleben. Im Sommer 2019 macht Barzagli eine erste Trainerausbildung und arbeitet danach einige Monate im Staff von Juve. Danach tritt er aber zurück. Er wolle sich um seine Familie kümmern, schreibt er auf Instagram – «das Herz hat entscheiden.» Er wolle endlich mehr Zeit für seine Frau und seine Kinder haben. Der Fussball ist lange genug im Zentrum gewesen.

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