Wirtschaft
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Bauern Teaserbild

Bild: watson/shutterstock

Analyse

Coronakrise: Haben wir bald zu wenig zu essen?

Die Coronakrise wird zu einer Herausforderung für die Landwirtschaft. Brauchen wir mehr offene Märkte?



Der «Economist» gilt als weltweit führendes Wirtschaftsmagazin. Walter Bagehot gründete es 1843, um damit gegen die «corn laws» anzukämpfen, protektionistische Gesetze, die den Import von billigem Getreide auf die britische Insel verhindern sollten.

Dieser liberalen Tradition ist das Blatt bis heute treu geblieben. In der jüngsten Ausgabe ist unter dem Titel «The food miracle» eine wahre Eulogie auf den freien Handel mit Lebensmitteln zu lesen. Konkret heisst es:

«Die Versorgungskette hinter dem iPhone oder der Autoherstellung sind Wunder der Koordination. Aber der nicht gefeierte Held der Logistik im 21. Jahrhundert ist das globale System der Lebensmittelversorgung. […] Der Export von Lebensmitteln hat sich in den letzten 30 Jahren versechsfacht. Vier von fünf Menschen ernähren sich teilweise von Kalorien, die in einem anderen Land produziert worden sind.»

Wer die Werbung unserer Grossverteiler sieht, erhält den Eindruck, dass unsere Nahrung vom Bauern um die Ecke produziert wird. «Von der Region für die Region», posaunt etwa die Migros stolz heraus. Die Realität ist leider eine andere. Nochmals der «Economist»:

«Obwohl Bauernhöfe ihrer Natur gemäss lokal sind, ist der Rest der Nahrungsmittelindustrie global. Saatgut, Dünger, Maschinen und Treibstoff, alles Dinge, welche die Bauern benötigen, kommen oft von weit weg.»

Riesige Agrarkonzerne wie ADM, Bunge and Cargill, Louis Dreyfus und Olam International kontrollieren die globalen Versorgungsketten zusammen mit Reedereien wie Maersk. Das Resultat bringt der «Economist» wie folgt auf den Punkt: «Getreide aus der Ukraine wird in der Türkei gemahlen und endet als chinesische Nudeln.»

Für den «Economist» ist diese globale Versorgungskette alternativlos. Okay, die Monopolisierung mag in einzelnen Bereichen zu weit fortgeschritten sein. Doch grundsätzlich haben wir wegen dieser ausgeklügelten Maschinerie trotz Coronakrise genügend Essen auf dem Tisch. Deshalb darf diese Versorgungskette auf keinen Fall durch staatliche Eingriffe gestört werden, gerade in Krisenzeiten nicht. Nochmals der «Economist»:

«Die Regierungen müssen die Nerven behalten und das weltweite Nahrungssystem offen behalten. Das bedeutet, dass man die Güter ohne Behinderung die Grenzen passieren lässt, dass man Migranten Visa erteilt und sie Gesundheitschecks unterzieht, und dass man den Armen Cash verteilt, nicht gehortete Lebensmittel.»

So wie der «Economist» argumentiert die überwiegende Mehrheit der Ökonomen. Freihandel mag einzelne bedauernswerte Opfer erfordern – so die These des komparativen Vorteils, des Heiligen Grals der Zunft –, doch die Menschheit als Ganzes profitiert mächtig davon.

epa07923599 An aerial photo from a drone shows corn being harvested near Milton, Wisconsin, USA, 15 October 2019. According to reports farmer have been hampered by weather all season causing delays in getting into fields by up to 20 days over previous years.  EPA/TANNEN MAURY

Typisch für industrielle Landwirtschaft: Maisfelder im US-Bundesstaat Wisconsin. Bild: EPA

Das gilt auch hierzulande. Avenir Suisse, die Denkfabrik der Wirtschaft, hat gefühlt Dutzende von Studien erstellen lassen, in denen unsere Bauern aufgefordert werden, sich endlich dem internationalen Wettbewerb zu stellen. Auch beim gefühlten tausendsten Anlauf, mit den USA ein Freihandelsabkommen abzuschliessen, werden die Bauern beschworen, endlich ihren Widerstand gegen T-Bone-Steaks und Gen-Mais aufzugeben.

Sind die Bauern zu egoistisch, zu eigensinnig oder einfach zu dumm, dass sie sich nach wie vor energisch gegen offene Grenzen in der Agrarwirtschaft wehren? Nein, sagt Mathias Binswanger, einer der führenden Schweizer Ökonomen. In seinem soeben veröffentlichten Büchlein «Mehr Wohlstand durch weniger Agrar-Freihandel» plädiert er vehement dagegen, bedingungslos die Grenzen für Nahrungsmittel zu öffnen.

Binswanger Mathias

Wehrt sich für die Bauern: Mathias Binswanger.

Um klarzustellen: Binswanger stellt dabei die Segnungen des freien Handels nicht grundsätzlich in Frage. Er hält ihn bloss für die Landwirtschaft für fehl am Platz.

Rund 10'000 Bauern demonstrieren auf dem Bundesplatz gegen geplante Sparmassnahmen am Freitag, 27. November 2015 in Bern. 10 Jahre nach der letzten grossen Kundgebung ruft der Schweizer Bauernverband die Bauern wieder dazu auf, sich mit einer Demo in Bern zu wehren. Anlass ist die vom Bundesrat angekuendigte Kuerzung des landwirtschaftlichen Zahlungsrahmens 2018 bis 2021 in der Hoehe von rund 800 Millionen Franken. (KEYSTONE/Lukas Lehmann)

Bauern demonstrieren auf dem Bundesplatz in Bern. Bild: KEYSTONE

Die Preise für Rohmilch, Weizen und andere landwirtschaftliche Produkte sind seit 1990 um etwa 30 Prozent gesunken. Der Konsument merkt davon nichts, weil im Supermarkt die Preise für diese Produkte um rund 15 Prozent gestiegen sind. Binswanger stellt daher fest:

«Die Wertschöpfung hat sich immer vom Bauernhof weg verlagert, hin zur Verarbeitung und noch mehr zum Handel.»

Dabei ist es nicht so, dass die Bauern sich nicht anstrengen würden. Im Gegenteil:

«Tatsächlich werden die Schweizer Bauern immer produktiver, aber ihre Einkommen steigen dadurch nicht an, weil diese Produktionserhöhungen in erster Linie zu Preissenkungen führen.»

Grund für das Elend der Bauern ist die Tatsache, dass sie in einer fatalen Tretmühle stecken. Weil sie nur einen kleinen Teil ihrer Produkte direkt an die Konsumenten verkaufen, sind sie auf Grossverteiler angewiesen. Sie können sich von anderen Bauern nur dadurch abheben, dass sie mehr produzieren. Dies führt zu einem Verdrängungswettbewerb, bei dem immer weniger Bauern immer mehr produzieren.

Bauern können zwar mehr produzieren, Konsumenten jedoch nur sehr beschränkt mehr essen. Die Nachfrage nach landwirtschaftlichen Produkten ist daher, wie es in der Ökonomensprache heisst, unelastisch. Das Resultat bringt Binswanger wie folgt auf den Punkt:

«Es sinken in erster Linie die Preise, während die nachgefragte Menge kaum zunimmt.»

Ausser ein paar wenigen Ländern wie Neuseeland profitiert kein entwickeltes Land vom Freihandel. Im Gegenteil: Alle versuchen, mit Subventionen ihre Bauern mehr schlecht als recht über Wasser zu halten. Die Folgen sind in den Augen von Binswanger «schizophren»:

«Dank verfehlter Förderungsmassnahmen überschwemmen die Landwirte dieser Industrieländer somit den Weltmarkt mit ihren verbilligten landwirtschaftlichen Erzeugnissen, deren Preise die Produktionskosten häufig gar nicht gedeckt haben.»

Noch verheerender wirkt sich diese schizophrene Landwirtschaftspolitik auf die Entwicklungsländer aus. Afrika ist der Kontinent mit dem grössten Agrarpotential. Trotzdem wird derzeit rund ein Viertel der Lebensmittel importiert. Und dies, obwohl in einem Land wie Kenia rund 80 Prozent der Bevölkerung nach wie vor Kleinbauern sind.

Wie ist dies möglich? Deutschland beispielsweise exportiert nicht nur VWs und BMWs, sondern auch rund die Hälfte seiner hoch subventionierten Milch. Dabei werden die einheimische Natur zerstört, die Tiere gequält – und die afrikanischen Kleinbauern werden an die Wand geklatscht.

Mais-Forschung in Thika, Kenia.

Bio-Bauern in Kenia.

Anstatt für den heimischen Markt müssen die afrikanischen Bauern ihrerseits für den Export produzieren. Sie werden gezwungen, auf Dinge wie Kaffee- und Kakaobohnen auszuweichen, Dinge, die sie selber kaum konsumieren und die sie den Launen des internationalen Rohstoffmarktes und der Agrarmultis aussetzen. Das traurige Fazit:

«Wie auch in den Industrieländern sind die Bauern meistens die Verlierer des Freihandels.»

Natürlich ist eine totale Ernährungssicherheit eine Illusion. Gerade ein gebirgiges Land wie die Schweiz ist auf den Import angewiesen, und Bananen wachsen selbst in der Sonnenstube Tessin nicht. Doch die aktuelle industrielle Landwirtschaft ist nicht nur eine ökologische Katastrophe. Sie hält die Bauern in einer fatalen Tretmühle gefangen und ist damit Dynamit für die soziale Lage in den Entwicklungsländern.

Gefragt ist daher kein Wildwuchs eines Freihandels, sondern ein fairer Handel in geordneten Bahnen. «In der Landwirtschaftspolitik sollten deshalb auch Überlegungen angestellt werden, wie die Bauern wieder verstärkt an der Wertschöpfung in der Lebensmittelproduktion partizipieren können», stellt Binswanger fest.

Für Laien scheint dies einleuchtend. Bis die Mehrheit der Ökonomen zu dieser Einsicht gelangen wird, dürfte es indes noch dauern. Das nächste Traktat von Avenir Suisse, das mehr Freihandel für die Agrarwirtschaft fordert, kommt so sicher wie das Amen in der Kirche.

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