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Hamster und Heuschrecke

Bild: watson/shutterstock

Analyse

Corona-Ökonomie pervers: Von Schmarotzern und Heuschrecken

Die wirklich gefährlichen Verschwörungstheorien handeln weder von George Soros noch von eingebildeten Biowaffen in China. Sie stützen sich auf vermeintlich wissenschaftliche Theorien der Volkswirtschaft.



Es ist nicht erstaunlich, dass die Corona-Krise zu jeder Menge von absurden Verschwörungstheorien geführt hat. Das Ganze sei ein teuflischer Plan wahlweise von George Soros oder Bill Gates, heisst es etwa. Oder das Virus sei aus einer Fabrik für Biowaffen in Wuhan entwichen.

Die Wirkung dieser Verschwörungstheorien dürfte überschaubar bleiben. Wer diesen Unsinn glaubt, dessen Intelligenzquotient dürfte kleiner sein als seine Schuhgrösse. Anders verhält es sich mit pseudowissenschaftlichen ökonomischen Theorien, die derzeit massenhaft auf YouTube abrufbar sind und deren Wirkung nicht zu unterschätzen ist. Hier zwei herausragende Beispiele:

Die Schmarotzer-These von Florian Homm und Markus Krall

Florian Homm hat als Investmentbanker und Investor einen zweifelhaften Leistungsausweis. Mit seinem Hedge Fund «Absolute Capital Management» verwaltete er zeitweise mehr als zwei Milliarden Dollar – und fuhr ihn 2007 gegen die Wand. Gemäss Wikipedia sollen Investoren dabei mehr als 200 Millionen Dollar verloren haben. Trotzdem fühlt sich Homm heute dazu berufen, den kleinen Mann per YouTube vor den Folgen eines kommenden Finanzcrashs zu warnen und zu bewahren.

Markus Krall ist Volkswirt, Risikomanager, Mitglied des Vorstands der Degussa Goldhandel GmbH und Vortragsredner. Dazu schreibt er auch Bücher, etwa «Der Draghi Crash», ein Werk, das selbst für Experten schwer entzifferbar ist. Auch für Laien verständlich ist sein neuester Besteller «Die Bürgerliche Revolution».

Krall und Homm sind bekennende Schüler der «österreichischen Schule», Anhänger der Ökonomen Ludwig von Mises und Friedrich Hayek. Die beiden ursprünglich aus Wien stammenden Ökonomen vertraten die Lehre, wonach Kredit des Teufels sei und wahre Werte nur mit hartem Geld kreiert werden können.

Zentralbanken sind für die Österreicher folgerichtig eine Vorstufe des Sozialismus und Sozialstaat der erste Schritt in die Knechtschaft, wie es Hayek in seinem bekanntesten Werk formulierte.

Vor der gediegenen Kulisse einer Bibliothek klären Krall und Homm auf einem zweiteiligen YouTube-Video über die kommenden Schrecken auf, welche wegen der Corona-Krise bald über uns hereinbrechen werden. Schuld daran sind die Hilfspakete, die überall auf der Welt geschnürt werden, um den Zusammenbruch der Wirtschaft zu verhindern.

Diese Hilfspakete sind gemäss Krall/Homm nichts anderes als der Versuch der Linken – dazu zählt auch Angela Merkel –, die Leistungsträger der deutschen Wirtschaft auszuplündern und den Rechtsstaat ausser Kraft zu setzen. Von den rund 80 Millionen Deutschen würden nämlich bloss 18 Millionen die Wirtschaft am Laufen halten, klärt uns Krall auf.

Dazu zählen Unternehmer, Gewerbler, Feuerwehrmänner, Polizisten und ein paar nicht von der 68-er-Ideologie verblendete Lehrer. Die übrigen seien Schmarotzer. Nun würden gemäss Krall genau diese Schmarotzer mit Hilfskrediten, Mieterlassen und Ähnlichem belohnt. Das müsse zwangsläufig ins Chaos und Anarchie führen. Venezuela sei ein Ponyhof im Vergleich. Und ja, die EU und der Euro seien übrigens auch Geschichte.

Das Gegenstück zu den rechtskonservativen Krall und Homm findet sich auf dem YouTube-Kanal KenFM:

Ernst Wolff oder die Heuschrecken-These

KenFM ist ein Internet-Format, das hauptsächlich via YouTube verbreitet wird. Gegründet wurde es von Ken Jebsen, einem umstrittenen Berliner Journalisten. Jebsen sieht sich als Vertreter einer wie auch immer gearteten Friedensbewegung. KenFM fällt jedoch vor allem auf durch eine bedingungslose Treue zu Putin und Russland und einem ebenso bedingungslosen Hass auf alles, was mit der Nato und den USA zu tun hat.

Zu den Schweizern, die gelegentlich auf KenFM zu sehen sind, gehört der umstrittene Friedensforscher Daniele Ganser oder der freie Journalist René Zeyer, der sonst in der «Weltwoche» oder der «Basler Zeitung» zu lesen ist.

Die Ökonomie wird bei KenFM von Ernst Wolff abgedeckt, und zwar unter den Titel: «The Wolff of Wall Street». Dieser Wolff darf sich gelegentlich auch auf dem Schweizer Online-Portal «infosperber» austoben.

Wolffs ökonomische Thesen sind eine krude Mischung aus Gedankengut der Österreicher und Anti-Kapitalismus. Auch er sieht in der Kreditschöpfung der Zentralbanken einen finsteren Plot, der dazu dient, den redlichen Mittelstand verarmen zu lassen.

Die Corona-Krise ist daher in den Augen Wolffs keine Epidemie, welche die Gesundheit der Menschen bedroht. Sie ist ein Mittel der Hedge-Funds – oder Heuschrecken, wie Wolff sie nennt –, im Verbund mit den Zentral- und den Grossbanken das vor dem Ruin stehende Finanzsystem zu ihren Gunsten umzubiegen.

Seine These lässt sich wie folgt zusammenfassen: Der Neoliberalismus hat den Mittelstand an den Rand des Abgrundes gebracht. Die im Zusammenhang mit dem Virus verbreitete Hysterie ist ein Ablenkungsmanöver. Es soll verschleiern, dass das Finanzkapital im Begriff ist, die Macht weltweit zu übernehmen.

Ob Schmarotzer- oder Heuschrecken-These, beide sind viel gefährlicher als die plumpen Verschwörungstheorien der Rechtsextremen. Sie enthalten Versatzstücke seriöser ökonomischer Theorie. So ist angesichts der von den Zentralbanken losgetretenen Geldlawine die Gefahr einer Hyperinflation nicht von der Hand zu weisen. Dass der Finanzkapitalismus inzwischen mehr als dubiose Sumpfblüten hervorbringt, lässt sich ebenfalls nicht bestreiten.

Doch wichtige Dinge werden ausgeblendet. Krall und Homm verschweigen, dass die Lehre der Österreicher von Mises und Hayek mitschuldig war an der Depression der Dreissigerjahren. Und weshalb ausgerechnet die Hedge-Funds ein Interesse am Crash der Finanzmärkte haben sollen, wird wohl für ewig Wolffs Geheimnis bleiben.

Gleichzeitig verharmlosen beide, die rechtskonservativen Krall und Homm und der Kapitalismus-Kritiker Wolff, die reale Gefahr, die von der Pandemie ausgeht. Und das kann tödlich sein – im wahrsten Sinn des Wortes.

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