DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Teaserbild Geld

Analyse

Libra, Bitcoin und Parallelwährung: Was soll das eigentlich?

Facebook will mit Libra eine neue Weltwährung schaffen, Bitcoin nimmt in Anspruch, digitales Gold zu sein, und Italien will seine Schulden mit einer Parallelwährung tilgen. Was soll dies alles?



Für die Nachkriegs-Generation war die Geld-Welt noch sehr simpel. Sie wuchs im Glauben an zwei unverrückbare Wahrheiten auf: Die Nationalbank tauscht jederzeit meine Papiernoten gegen Gold ein, und die Investitionen der Wirtschaft werden von Spargeldern finanziert.

Das war schon damals falsch, aber heute ist die Situation noch viel verwirrender geworden. Seit US-Präsident Richard Nixon zu Beginn der Siebzigerjahre das Bretton-Woods-Abkommen aufgekündigt hat, ist auch die Golddeckung Geschichte. Währungen sind Fiat-Money – Papiergeld – geworden. Ihr Wert schwankt, im schlimmsten Fall gegen Null.

An man plays around with discarded 50 Bolivar bills during a break in a pick football game, outside a building occupied by squatting families in Caracas, Venezuela, Tuesday, May 7, 2019. Due to hyperinflation in Venezuela, the 50 Bolivar bills that started circulating last year are now worthless and people throw them in the trash or in the streets. (AP Photo/Rodrigo Abd)

Wenn das Geld auf der Strasse liegt und nichts mehr wert ist: Hyperinflation in Venezuela. Bild: AP/AP

Spätestens seit der Vollgeld-Initiative hat es sich auch herumgesprochen, dass nicht unsere Spargelder die Investitionen finanzieren, sondern dass dafür zum grössten Teil Bankkredite verantwortlich sind.

Schliesslich sind in den letzten Jahren verschiedene Formen von neuem Geld aufgetaucht: In ganz Europa werden regionale Parallelwährungen in Umlauf gebracht. Bitcoin und andere Kryptowährungen faszinieren nicht nur Techno-Nerds. Und nun will uns Mark Zuckerberg noch mit einer neuen Weltwährung beglücken.

All dies hat zu einer allgemeinen Verunsicherung geführt. Junge Menschen fragen sich, ob ihre Altersguthaben durch Inflation zerstört werden. Ältere Semester bangen im Zeitalter von Negativzinsen um ihre Rente.

Nicht nur Laien verstehen die Geld-Welt nicht mehr. So hat eine Umfrage der Beratungsfirma CFA ergeben, dass jeder zweite Finanzprofi erwartet, dass sich sein Beruf in den nächsten fünf Jahren grundlegend verändern wird. Zeit also für die Frage: Was ist eigentlich Geld?

Goldstandard

Gold hat zwei entscheidende Eigenschaften: Es ist begrenzt vorhanden und es kann nicht künstlich hergestellt werden. Diese beiden Eigenschaften machen es zu einem idealen Geld-Anker. Eine Währung, die zu einem fixen Kurs an das gelbe Metall gebunden ist, kann sich nicht entwerten.

Zum Goldstandard kam die Welt jedoch durch einen Fehler von Isaac Newton. Der geniale Physiker berechnete zu Beginn des 18. Jahrhunderts den Wechselkurs von Gold und Silber falsch, und zwar zugunsten von Gold. Das führte zu einem Run aufs gelbe Metall, und weil Grossbritannien in der Folge zur Weltmacht aufstieg, setzte sich der Goldstandard global durch.

epaselect epa04440487 A prop from the James Bond movie 'Goldfinger' is on display during the exhibition 'Designing 007: Fifty Years of Bond Style' held at the Kunsthal museum in Rotterdam, The Netherlands, 10 October 2014. The exhibition offers more than 500 gadgets, costumes, iconic vehicles, storyboards, graphic designs and props from Bond movies, and can be visited from 12 October 2014 to 8 February 2015.  EPA/BAS CZERWINSKI

Überzog selbst Frauen mit Gold: Der Bösewicht im Bond-Streifen «Goldfinger» Bild: EPA/ANP

In der Ägide des Goldstandards gab es keine Inflation. Das ist der Grund, weshalb bis heute die sogenannten «Goldbugs» (Gold-Käfer) von einer Rückkehr zum Goldstandard träumen, oder zumindest von einer Teildeckung.

Der Goldstandard hat jedoch einen entscheidenden Nachteil: Er lässt keine Regulierung der Geldmenge zu. Die Nationalbanken können in einer Rezession der Wirtschaft nicht mit billigem Geld unter die Arme greifen.

Das 19. Jahrhundert kannte deshalb zwar keine Inflation, es wurde jedoch regelmässig von schweren Wirtschaftskrisen gebeutelt. In Europa waren Massenelend und Auswanderung die Folge.

Weil die amerikanischen Bauern wegen des harten Dollars ihre Zinsen nicht mehr bezahlen konnten, hat in den USA der Goldstandard beinahe zu einem Volksaufstand geführt. Nur die Entdeckung von neuem Gold in Alaska hat dies verhindert. Das neue Gold hatte es möglich gemacht, die Geldmenge auszuweiten.

Kryptowährungen

Bitcoins rühmen sich gerne, «digitales Gold» zu sein. Der Grund liegt in einer Macke des mysteriösen Bitcoin-Erfinders Satoshi Nakamoto. Er hat die Anzahl der Bitcoins auf 21 Millionen Stück begrenzt. Wie Gold sind Bitcoins daher nicht beliebig vermehrbar und daher vor Inflation gefeit.

Das digitale Gold braucht keine Banken, und schon gar keine Zentralbank. Geldgeschäfte können per Internet direkt abgewickelt werden, und zwar anonym. Das gilt auch für die anderen Kryptowährungen, die immer noch wie Pilze nach einem warmen Regen aus dem Boden schiessen.

Neues Interesse von mittelfristig orientierten Investoren belebt den Kurs der Cyber-Währung. (Symbolbild)

Bitcoins wollen «digitales Gold» sein. Bild: KEYSTONE

Den Ursprung haben die Kryptowährungen in der Szene der Cypherpunks, einer Gruppe von Internet-Anarchisten. Sie träumen von einer Welt ohne Banken und ohne Staat. Das «digitale Gold» soll dabei helfen, die Wirtschaft dezentral zu organisieren. So weit die Utopie.

In der Realität ist die Produktion von Bitcoins alles andere als dezentralisiert, sondern in den Händen von ein paar wenigen Mining-Pools. Benutzt wird es vorwiegend von Spekulanten.

Bitcoin ist weit davon entfernt, massentauglich zu sein, und der hohe Stromverbrauch beim Mining der digitalen Goldstücke und beim Abwickeln der Transaktionen machen die Kryptowährungen zu einem mehr als fragwürdigen Experiment.

Weltwährung Libra

Schon vor Jahren hat Mark Zuckerberg heimlich ein Crack-Team von Spezialisten zusammengestellt und ihnen den Auftrag für eine digitale Weltwährung erteilt. Nun hat er sie vorgestellt. Libra heisst sie, und sie soll wie die Kryptowährungen langfristig die Banken überflüssig machen.

Zuckerberg träumt von einem «Internet des Geldes». So wie sie heute schon auf Whatsapp chatten, sollen die Menschen dank Libra sich bald gegenseitig Geld über das Netz überweisen können. Milliarden von Menschen, denen heute noch der Zugang zu einem Bankkonto verwehrt ist, sollen so ans Finanzsystem angedockt werden.

FILE- In this May 1, 2018, file photo, Facebook CEO Mark Zuckerberg delivers the keynote speech at F8, Facebook's developer conference, in San Jose, Calif. Facebook may have to wait a little longer before resolving a U.S. government investigation into the company's mishandling of personal information on its social network. The Wall Street Journal is reporting that a settlement with the Federal Trade Commission is being delayed by political wrangling. The FTC declined comment Friday, May 24, 2019. (AP Photo/Marcio Jose Sanchez, File)

Will eine Weltwährung schaffen: Mark Zuckerberg- Bild: AP/AP

Geld ist Vertrauenssache. Ob Facebook je dieses Vertrauen erhalten wird, ist spätestens seit der Affäre von Cambridge Analytica mehr als fragwürdig. Zuckerberg hat für Libra daher eine eigene Firma gegründet, die er gemeinsam mit anderen betreiben will. Namhafte Unternehmen wie Visa und Mastercard haben bereits zugesagt.

Libra ist nicht an Gold, sondern an einen Korb von soliden Währungen gebunden. (Der Schweizer Franken dürfte wohl dabei sein.) Das soll der Währung Stabilität verleihen, es verhindert jedoch auch, dass damit eine eigenständige Geldpolitik betrieben werden kann. Trotzdem bleibt abzuwarten, ob die amerikanische Fed und andere Zentralbanken andere Götter neben sich dulden werden, will heissen: Libra die Zulassung erteilen werden.

Parallelwährungen

Italien hat eine der höchste Staatsverschuldung der Welt und liegt deshalb permanent mit der EU und der Europäischen Zentralbank (EZB) im Clinch. Nun glaubt man in Rom ein Mittel gefunden zu haben, wie man Brüssel und Frankfurt austricksen kann: die Mini-Bots.

Mini-Bots funktionieren wie folgt: Der Staat gibt Schuldscheine heraus. Mit diesen kann man seine Steuern bezahlen. Das macht sie auch für Otto Normalverbraucher interessant. Mini-Borts werden in Italien zu einer Konkurrenz für den Euro. Sie werden mit anderen Worten zu einer Parallelwährung.

ZUR HEUTIGEN URTEILSVERKUENDUNG IM PHISHING PROZESS AM BUNDESSTRAFGERICHT IN BELLINZONA, STELLEN WIR IHNEN AM MITTWOCH, 26. OKTOBER 2016, FOLGENDES ARCHIVBILD ZUR VERFUEGUNG - A Supercard Plus Mastercard at Coop Sihlcity in Zurich, pictured on January 29, 2015. (KEYSTONE/Christian Beutler)

Eine Supercard Plus Mastercard im Coop Sihlcity am 29. Januar 2015 in Zuerich. (KEYSTONE/Christian Beutler)

Streng genommen eine Parallelwährung: Die Coop-Superkarte. Bild: KEYSTONE

Parallelwährungen sind keine Hexerei. Wir kennen sie von der Super- oder der Cumuluscard oder von Flugmeilen. Es ist Geld, das nur in einem bestimmten Umfeld eingesetzt werden kann. Der Zweck dabei besteht darin, den Konsum bei einem bestimmten Unternehmen oder in einer bestimmten Region zu fördern.

Lokale und regionale Parallelwährungen gibt es wie Sand am Meer. Die bekannteste ist wohl der Chiemgauer in Bayern, benannt nach dem gleichnamigen See. In der Schweiz kennen wir das WIR-Geld. Es wurde einst von Silvio Gesell geschaffen. In der Grossen Depression war es beim Gewerbe und den Bauern sehr beliebt.

Italien hingegen will die Mini-Bots als Waffe gegen den Euro einsetzen. Daher haben sowohl die EU als auch die EZB klar erklärt, dass sie das italienische Experiment auf keinen Fall dulden werden.

Fazit

Krypto-, Welt- und Parallelwährungen sind Versuche, das Korsett des herrschenden Geldsystems zu sprengen. Das ist verständlich. Spätestens seit der Finanzkrise von 2008 wächst die Einsicht, dass Geld mehr ist als bloss ein Schmiermittel der Wirtschaft. Geldpolitik ist ein entscheidender Faktor der Wirtschaftspolitik und damit ein entscheidender Faktor für unseren Wohlstand.

Leider ist Geldpolitik auch sehr kompliziert (echt). Daher ist es auch ein ideales Tummelfeld für Scharlatane und Fanatiker. Oft greifen sie reisserische Begriffe auf – beispielsweise Fiat-Money – und schlagen simple Lösungen vor – beispielsweise zurück zum Gold oder Abschaffung der Zentralbanken.

In der komplexen Realität unserer digitalen Welt sind diese Eiferer und ihre Rezepte gefährlich. Um es mit einem Vergleich zu sagen: Sie verhalten sich wie der sprichwörtliche Bauer, der sich darüber ärgert, dass die Sicherung in seinem Stall stets herausspringt. Um dies abzustellen, schlägt er ein Hufeisen über den Sicherungskasten. Das funktioniert tadellos – bis der Blitz einschlägt.

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Wenn Geld keinen Wert mehr hat

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Analyse

Krypto-Geld droht Zentralbanken zu unterwandern – jetzt wollen sie handeln

Die Zentralbanken wollen kein Schatten-Finanzsystem. Und sie denken über eine Alternative zu den Kryptowährungen nach: eine eigene digitale Währung.

Die Bank of China drückt sich glasklar aus: Virtuelle Währungen seien keine «richtigen Währungen», liess sie kürzlich verlauten, und «sie sollten und können nicht wie Währungen im Markt verwendet werden». Die Folgen dieser Verlautbarungen folgten auf dem Fuss, Bitcoin und andere Kryptowährungen verloren bis zu 40 Prozent an Wert.

Der Crash der Kryptos wirft einmal mehr die Frage auf: Wozu brauchen wir sie überhaupt? Ob Comedian Bill Maher oder Paul Krugman, Nobelpreisträger für Ökonomie, …

Artikel lesen
Link zum Artikel