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Ein Mitglied des ueberparteilichen Komitees Zuerich

Die Gegner des Mindestlohnes haben sich durchgesetzt. Bild: KEYSTONE

Kommentar zum Mindestlohn

Wollen wir wirklich eine Zalando-Wirtschaft?

Das Nein zur Mindestlohn-Initiative ist eine Ohrfeige für die Gewerkschaften – und ein verhängnisvolles Zeichen für die Zukunft der Arbeitsmärkte. 



Die Gegner der Mindestlohn-Initiative wähnen die ökonomische Vernunft auf ihrer Seite. Stets betonten sie, höhere Mindestlöhne würden Arbeitsplätze im grossen Stil vernichten und behaupten, das Verzichten auf eine Lohnuntergrenze wäre deshalb im Interesse der Betroffenen selbst. Schliesslich sei ein lausiger Lohn immer noch besser als gar kein Lohn. 

Das Argument hat sich als stichhaltig erwiesen, die Initiative wurde deutlich abgelehnt – und ist trotzdem falsch. Ob Mindestlöhne Jobs vernichten oder schaffen, lässt sich ökonomisch nicht beweisen, Erfahrungen aus den USA, wo einzelne Bundesstaaten verschieden hohe Lohnuntergrenzen kennen, sprechen eher für anständige Mindestlöhne.

Was wirklich zum Nein geführt hat

Zudem ist diese Argumentation heuchlerisch, die Sorge um die Arbeitsplätze vorgeschoben. Zum Nein geführt hat letztlich ein Gefühl, das Rita Flubacher, Wirtschaftschefin des «Tages-Anzeiger», in ihrer Ablehnungsempfehlung wie folgt beschrieben hat: «Wer keine oder nur eine rudimentäre Ausbildung hat, wem Arbeit eher zuwider und beruflicher Ehrgeiz ein Fremdwort ist: Spielt alles keine Rolle. Er und sie werden von ihrem Arbeitgeber dafür künftig mit mindestens 4000 Franken pro Monat entschädigt werden müssen, sollte die Mindestlohn-Initiative angenommen werden. (...) Leistung soll sich lohnen? Das war wohl von gestern.» Im Klartext: Wer weniger als 4000 Franken verdient, hat auch nichts Besseres verdient.

Viel wahrscheinlicher ist es, dass es sich bei den Mindestlohnbezügern um eine allein erziehende Mutter handelt, die eine Arbeit verrichtet, für die sich die meisten von uns zu schade sind.

Das war wenigstens ehrlich und passt zur vorherrschenden «Leistung-muss-sich-lohnen»-Ideologie. Trotzdem ist auch dieses Argument falsch. Mindestlohn ist hierzulande nicht eine Strafe für Faulheit und Leistungsverweigerung. Der typische Mindestlohnbezüger ist kein junger Mann, der einen BMW leasen und dafür nichts leisten will. Viel wahrscheinlicher ist es, dass es sich um eine allein erziehende Mutter handelt, die eine Arbeit verrichtet, für die sich die meisten von uns zu schade sind. Man könnte deshalb mit guten Gründen sogar dafür plädieren, dass diese Menschen sogar eine Prämie verdient hätten. Ihnen selbst einen anständigen Lohn zu verwehren, ist – man kann es nicht anders ausdrücken – schäbig.

«Geiz ist geil» und die Folgen 

Ökonomisch betrachtet wird das Nein nicht viel ändern. Vorläufig wenigstens. Dank der beiden sozial orientierten Grossverteiler Migros und Coop kennt die Schweiz eine Art informellen Mindestlohn. Weniger als zehn Prozent aller Erwerbstätigen verdienen weniger als 4000 Franken im Monat. Stundenlöhnen von unter zehn Franken wie im Osten von Deutschland gibt es nicht. 

«Geiz ist geil» ist mehr als ein blöder Werbespruch. Mindestens 15 Prozent der Menschen, die einer regelmässigen Arbeit nachgehen, leben in prekären Verhältnissen.

Dort haben Aldi, Lidl, Media Markt & Co. ganz andere Verhältnisse geschaffen. «Geiz ist geil» ist mehr als ein blöder Werbespruch. Mindestens 15 Prozent der Menschen, die einer regelmässigen Arbeit nachgehen, leben in prekären Verhältnissen. Viele von ihnen sind so genannte «Aufstocker», will heissen: Sie brauchen nebst ihrem Lohn Zuschüsse vom Sozialamt, um über die Runden zu kommen. Mit der Agenda 2010 hat die rot-grüne Regierung von Gerhard Schröder diese Zustände salonfähig gemacht. Heute schrecken selbst renommierte Konzerne wie Mercedes und Siemens vor Schundlöhnen nicht mehr zurück. In Schlachthöfen zerlegen derweil Rumänen und Bulgaren Schweine für einen Stundenlohn von fünf Franken. 

Abgezockt wird an der Börse

Immer mehr Businessmodelle sind nur möglich, weil solche Schundlöhne bezahlt werden. Das jüngste Beispiel ist das Online-Modehaus Zalando. Dort verdienen Mitarbeiter rund 1700 Franken im Monat und müssen dafür wie Sklaven schuften. Ihre Leistung wird permanent von einer Software überwacht. Zalando kassiert Subventionen von der öffentlichen Hand und zahlt keine Steuern, weil aus dem Betrieb keine Gewinne anfallen. Abgezockt wird anderswo. Der bevorstehende Börsengang soll den Firmengründern Milliarden in die Kassen spülen. 

Immer mehr Businessmodelle sind nur möglich, weil solche Schundlöhne bezahlt werden.

Die Zalando-Wirtschaft wird mit dem gleichen Argument verteidigt wie das Nein zu den Mindestlöhnen: Es werden Arbeitsplätze geschaffen. Dass diese Jobs für die Betroffenen eine Beleidigung sind, der Volkswirtschaft nichts nützen und der Umwelt gewaltig schaden – darüber schweigt des Sängers Höflichkeit. Zalando ist inzwischen auch in der Schweiz sehr erfolgreich. Die weiss-orangen Päcklein sind auf den Poststellen allgegenwärtig. 

Wollen wir zurück zur Sklavenarbeit?

Die «Geiz ist geil»-Mentalität fasst auch hierzulande Fuss. Mit dem Nein zur Mindestlohn-Initiative hat das Schweizer Stimmvolk der Zalando-Wirtschaft indirekt ihren Segen erteilt. Das Resultat dieser Entwicklung lässt sich abschätzen. Der US-Ökonom Tylor Cowen geht in seinem Kultbuch «Average is Over» (Das Mittelmass ist vorbei) davon aus, dass gegen 80 Prozent aller Erwerbstätigen bald überflüssig sein und keinen anständig bezahlten Job mehr erhalten werden. «Immer mehr Menschen werden von Teilzeitjob zu Teilzeitjob hüpfen», prophezeit Cowen. Und dann? Gehen wir zurück zur Sklavenarbeit? 

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