Wirtschaft
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FILE - In this Oct. 12, 2005 file photo, David Graeber, associate professor of anthropology at Yale University reacts during class, in New Haven, Conn. Graeber, who worked on the initial stages of the Occupy Wall Street movement, has died in Venice, his agent Melissa Flashman said on Thursday, Sept. 3, 2020. He was 59. A professor of anthropology at the London School of Economics, Graeber studied anarchism and anti-capitalist movement, and challenged the world to consider the plight of the Kurds in the Middle East. Born in New York, he taught at Yale University before moving on to Goldsmiths, University of London and finally the London School of Economics. (AP Photo/Michelle McLoughlin, File)

Bild: keystone

Der fröhliche Anarchist David Graeber ist tot

Er war ein anerkannter Wissenschaftler, Vordenker der Occupy-Wall-Street-Bewegung und ein bekennender Anarchist.



Mit David Graeber zu sprechen, war nicht immer ganz einfach. Mein erstes Interview mit ihm führte ich auf den Strassen von Frankfurt, umgeben von Polizisten und Demonstranten. Tags zuvor hatten die Ordnungshüter das Camp der Occupy-Bewegung aufgelöst. Graeber war vor Ort, um den Protestierenden Mut zu machen.

Berühmt wurde Graeber zunächst jedoch nicht als Vordenker der Protestbewegung, die 2011 weltweit für Furore sorgte. Zuvor hatte er mit seinem Buch «Schulden, die ersten 5000 Jahre» die Aufmerksamkeit der Sozialwissenschaftler erregt.

Graeber war Ethnologe und lehrte zeitweise an den renommiertesten Universitäten der Welt, beispielsweise Yale, Cambridge und der London School of Economics.

David Graeber, Anthropologe

War als Wissenschaftler anerkannt: David Graeber. Bild: Getty Images

Ganz in der Tradition der Ethnologen entstand sein Bestseller «Schulden» aus persönlicher Betroffenheit. Die Idee dazu kam ihm bei seiner Feldforschung in Madagaskar:

«Ich habe in Madagaskar erlebt, dass Kinder an Malaria gestorben sind, weil die Regierung aus Spargründen die Bekämpfung der Moskitos eingestellt hatte. Die Regierung hat gespart, weil sie vom Internationalen Währungsfonds dazu gezwungen wurde. Als ich diese Geschichte zu Hause erzählte, sagte man mir: ‹Warum regst du dich auf? Schulden muss man doch bezahlen.»›Das hat mich zunächst nachdenklich und danach neugierig gemacht. Ich wollte wissen: Warum ist die Schuldenmoral so absolut unanfechtbar. Warum ist das Bezahlen von Bankschulden wichtiger als das Leben von Babys?»

Mit Schulden hat Graeber den Scheinwerfer auf einen blinden Fleck der klassischen Ökonomie gerichtet. Diese betrachtet Geld als Schmiermittel, das die Wirtschaft in Gang hält, selbst jedoch keine Rolle spielt.

Graeber jedoch hat erkannt, dass Geld mehr ist als das. Geld ist auch Kredit, und Kredit ist ein zentrales Element jeder menschlichen Gesellschaft. In den Stammesgesellschaften verschulden sich Menschen regelmässig gegenseitig und werden so voneinander abhängig. Das sorgt für den Kitt, der die Gesellschaft zusammenhält.

Bild

Kennen keine zentrale Macht: Stammesgesellschaften. bild: Ian Macharia, Unsplash

In den ursprünglichen Stammesgesellschaften gab es keine zentral Macht. Mit dem Entstehen von Machtstrukturen ändert der Charakter des Kredits, er wird zu Schulden. Wer jetzt seine Schulden nicht mehr bezahlen kann, muss sein Kind, seine Frau oder sich selbst in Sklaverei begeben. «Schulden sind nie eine Sache der Reichen, sondern immer der Armen», stellte Graeber fest.

Schulden und Kredit sind das dominierende Thema der Ökonomie. Heute kennt jeder Teenager den Begriff Fiat Money und auf YouTube kann man jede Menge Videos dazu abrufen. Als Graeber vor rund zehn Jahren sein Buch veröffentlichte, war diese Diskussion noch einem kleinen Kreis von Spezialisten vorbehalten.

Genauso hat sich der Begriff «Bullshit-Jobs» durchgesetzt. Graeber hat ihn als eine Art Nebensatz in seinem Buch «The Democracy Project» in die Welt gesetzt. Unter Bullshit-Jobs versteht er nicht etwa eintönige Fliessbandarbeit oder hartes Malochen auf dem Bau.

Diese Arbeiten sind notwendig, Bullshit-Jobs sind es nicht. Es sind oft hoch spezialisierte Tätigkeiten, die von bestens ausgebildeten Menschen ausgeführt werden. Juristen beispielsweise, welche die ellenlangen Texte verfassen, die wir bei jedem Update anklicken und noch nie gelesen haben. Oder Marketingspezialisten, die uns Dinge andrehen, die wir nicht brauchen. Oder Manager, die uns überwachen.

Graeber erklärte dazu:

«Die meisten Menschen hätten gerne kreative Jobs, sind aber im Alltag mit langweiligem Verwaltungskram beschäftigt. Ich vermute, die meisten dieser Bullshit-Jobs sind überflüssig.»

Mit dem Begriff Bullshit-Jobs hat Graeber einen wunden Nerv unserer Zeit getroffen. Er breitete sich sofort weltweit aus. Später hat Graeber seinen Nebensatz zu einem richtigen Buch ausgeweitet.

Noch bekannter als Bullshit-Jobs ist der Begriff, den Graeber für die Occupy-Wall-Street-Bewegung (OWS) geprägt hat: «Wir sind die 99 Prozent». Damit sind wir bei seiner Eigenschaft als einer der führenden Aktivisten angelangt.

OWS war entstanden aus der Wut der Menschen, weil die Banker der Wall Street nach der Finanzkrise von 2008 von der Notenbank unlimitierten Kredit erhalten hatten, während viele einfache Bürger aus ihren Häusern vertrieben wurden.

FILE- In this Saturday, Dec. 31, 2011 photo, Occupy Wall Street protesters celebrate in Zuccotti Park in New York, while standing on barricades they removed from around the park. New York City has agreed to pay nearly $600,000 to settle allegations that police wrongfully arrested a group of Occupy Wall Street protesters, marking the largest settlement to date in a single Occupy-related civil rights case, the marchers' lawyers said Tuesday, June 10, 2014.  (AP Photo/Stephanie Keith, File)

War eine Art Vorläufer von Black Lives Matter: Occupy Wall Street. Bild: AP/AP

OWS-Aktivisten besetzten den Zuccotti-Park in der Nähe der Wall Street, führten regelmässig Demonstrationen durch und wiesen auf die eklatante Ungerechtigkeit der amerikanischen Gesellschaft hin: Ein Prozent besitzt alles, 99 Prozent nichts.

Die Bewegung wurde weltweit kopiert. Auch in Zürich besetzten Demonstranten zunächst den Paradeplatz und später den Lindenhof. Danach verschwand OWS genauso rasch wie sie aufgetaucht war. Graeber kümmerte dies wenig. Er erklärte:

«Wir waren nie eine populistische Bewegung, die auf kurzfristige Erfolge aus war. Wir streben eine breite, moralische Veränderung der Gesellschaft an. Daher denken wir langfristig, wie einst die Bewegung zur Abschaffung der Sklaverei oder der Feminismus. Es dauert Jahre oder Jahrzehnte, bis sich die gewünschten Effekte einstellen. Trotzdem haben wir in ein, zwei Jahren mehr erreicht als jede andere soziale Bewegung, die mir in den Sinn kommt.»

Schliesslich war Graeber auch ein bekennender und stolzer Anarchist. Er entsprach jedoch in keiner Weise dem Stereotyp, das Trump und die Republikaner derzeit in die Welt setzen wollen. Er war weder gewalttätig noch fanatisch. Im Gegenteil, er verachtete Gewalt und besass Witz und Selbstironie. Und er kämpfte für eine Welt ohne Macht und Schulden. Eine Welt, die er wie folgt beschreibt:

«Wir wollen keine Avantgarde, kein Zentralkomitee, das darüber befinden soll, was gut ist für die Menschen. Es ist paradox, dass wir in den modernen Gesellschaften meinen, die Menschen könnten nicht gemeinsam vernünftige Entscheide fällen, während dies für die Menschen in vermeintlich primitiven Völkern normal ist. Das habe ich in meiner Feldforschung in Madagaskar immer wieder erlebt. Wir müssen die direktdemokratischen Formen wieder entdecken.»

David Graeber, Anthropologe

RIP: David Graeber. Bild: wikimedia/Thomas Altfather Good

David Graeber ist 59-jährig aus unbekannten Gründen in Venedig verstorben.

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49 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
Janis Joplin
04.09.2020 12:02registriert April 2018
Oh mann! Moege er in Frieden ruhen, aber seine Ideen weitergetragen werden!
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smartash
04.09.2020 12:19registriert December 2016
„Schliesslich war Graeber auch ein bekennender und stolzer Anarchist. Er entsprach jedoch in keiner Weise dem Stereotyp, das Trump und die Republikaner derzeit in die Welt setzen wollen“
Sehr undifferenziert, die Verbreitung dieses Stereotyps Trump anzulasten. Es sind auch die Medien, die ihren Beitrag zum negativen, gewalttätigen Bild des Anarchisten beisteuern.
So reden alle zb von Anarchie wenn irgendwo dee Staat zusammenbricht und Gewalt und Chaos herrschen. Das bezeichnet man aber als Anomie, nicht als Anarchie
Also sich erst mal an der eigenen Nase nehmen, bevor man auf andere zeigt
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Marco Brolo
04.09.2020 12:15registriert October 2018
Ich bin ein Bullshit-Job... :D
*digital Marketing Spezialst <3
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49

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