Wirtschaft
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Interview

Die Wirtschaft fällt in die Krise, doch die Börsenkurse steigen – das steckt dahinter

Mitten in der Wirtschaftskrise steigen die Börsenkurse rasant an. Wie kann das sein? Der Ökonom Mathias Binswanger sagt: Es ist mehr Geld da, als investiert werden kann.

Zacharias Zacharakis / Zeit Online



Ein Artikel von

Zeit Online

Mathias Binswanger ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Fachhochschule Nordwestschweiz in Olten und Privatdozent an der Universität St.Gallen. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Makroökonomie, Finanzmarkttheorie, Umweltökonomie sowie in der Erforschung des Zusammenhangs zwischen Glück und Einkommen.

Herr Binswanger, ganz Europa steuert in eine tiefe Rezession, in den USA ist die Zahl der Arbeitslosen auf 30 Millionen angewachsen. Und trotzdem steigen die Börsenkurse weltweit wieder kräftig. Wie kann das sein?
Mathias Binswanger:
Die Börsen spiegeln nicht die gegenwärtige Situation wider, sondern die Erwartungen an die Zukunft. Aktuell herrscht die Hoffnung, dass diese Krise einen V-förmigen Verlauf nehmen wird, also wir zwar eine starke Rezession erleben und die Arbeitslosigkeit zunimmt, sich die Lage aber relativ rasch wieder erholen wird.

Woher nehmen die Börsianer den Optimismus?
Das Vertrauen der Investoren kam so schnell zurück, weil der Staat und die Zentralbanken eingesprungen sind. Man verhindert durch Hilfskredite, dass viele Unternehmen insolvent werden. Gleichzeitig helfen Massnahmen wie das Kurzarbeitergeld, die Arbeitslosigkeit niedrig zu halten. Das heisst nicht, dass längerfristig keine Probleme auf uns zukommen, wenn etwa die Hilfskredite für die Unternehmen auslaufen. Dann kann es durchaus sein, dass es zu gehäuften Insolvenzen kommt. Da wird es wahrscheinlich weitere Hilfsmassnahmen brauchen. Doch das ist auch die Erwartung der Kapitalmärkte. Man rechnet damit, dass der Staat nochmals einspringt, wenn es sich als nötig erweist.

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An eine zweite Welle der Pandemie scheinen die Märkte aber nicht zu glauben, oder?
Die Wahrscheinlichkeit einer starken zweiten Welle wird offenbar als gering eingestuft. Und falls sie doch kommt, wird davon ausgegangen, dass die Staaten nicht mehr mit einem Lockdown reagieren werden, weil sie auch besser darauf vorbereitet sind.

Mathias Binswanger

«Man rechnet damit, dass der Staat nochmals einspringt, wenn es sich als nötig erweist.»: Mathias Binswanger. Bild: Chris Iseli/ch media

Ist das aus Ihrer Sicht insgesamt eine realistische Interpretation der Lage, die Investoren gerade treffen, oder sind sie zu optimistisch?
Wenn wir in der Geschichte zurückgehen, sehen wir, dass die Märkte häufig recht behalten haben, wenn sie auf eine Krise nicht so heftig reagiert haben, weil die Wirtschaft relativ schnell wieder auf Wachstumskurs kam. Das scheint auch diesmal der Fall zu sein. Die Wahrscheinlichkeit ist relativ hoch, dass nächstes Jahr die Wirtschaft wieder wachsen wird.

Kann es auch sein, dass momentan so viel Geld in den Märkten vorhanden ist, dass Anleger schlicht nicht wissen, wo sie es sonst investieren sollen?
Das ist sowieso schon lange der Fall. Völlig unabhängig von der Corona-Krise haben wir im Moment viel mehr Geld im Umlauf, als man in profitable Geschäfte in der realen Wirtschaft investieren könnte. Das heisst, ein Grossteil des Geldes fliesst in die Finanzmärkte, die aber ebenso von den Wachstumserwartungen in der realen Wirtschaft abhängig sind. Genauso verhält es sich auf dem Immobilienmarkt. Der Zwang zum Wachstum nimmt dadurch zu, weil all diese Finanzmärkte zusammenbrächen, wenn die Wachstumserwartungen längerfristig nicht mehr erfüllt würden.

Früher hätten Anleger in einer solchen Krise ihr Kapital viel stärker aus Aktien abgezogen und in Anlagen verschoben, die als sicherer Hafen gelten, wie Staatsanleihen oder bestimmte Rohstoffe. Warum ist das heute nicht mehr so stark der Fall?
Ein sicherer Hafen ist zum Beispiel die Schweiz, und darunter leiden wir hier. Die Schweizerische Nationalbank muss grosse Anstrengungen unternehmen, damit der Schweizer Franken nicht viel mehr an Wert gewinnt, weil er so stark nachgefragt wird. Es ist ein enormer Druck entstanden auf unsere Währung, die heute als besseres Gold gilt, weil sie nicht so starken Preisschwankungen unterliegt wie Gold.

«Wir erhöhen die Anfälligkeit für eine neue Krise.»

Aber wie sieht es im Markt für Staatsanleihen aus?
In der Schweiz haben alle Staatsanleihen eine negative Rendite, sogar solche mit einer sehr langen Laufzeit von 50 Jahren. Das heisst, Investoren müssen einen Abschlag zahlen, wenn sie ihr Geld dort anlegen wollen. Auch mit relativ sicheren Staatsanleihen von Ländern wie Deutschland, den USA oder anderen kann man heute keine positive Rendite mehr erwirtschaften. In vielen Ländern allerdings haben die Zentralbanken die riesige Nachfrage nach Staatsanleihen mitkreiert, weil sie selbst in grossen Mengen Anleihen aufkaufen.

Sehen Sie darin ein Problem?
Wir erhöhen so die Anfälligkeit für eine neue Krise. Es wird heute viel schneller interveniert als früher. Die Frage ist, wie weit geht das? Das Zinsniveau können die Zentralbanken schon länger nicht mehr senken, weil es schon zuvor konstant niedrig war. Das ist die Folge der letzten Finanzkrise. Jetzt hat man es geschafft, auch die langfristigen Zinsen durch extreme Wertpapierkäufe praktisch unter null zu drücken. Nur ist irgendwann einmal eine Grenze erreicht, wo man auf diese Weise die Wirtschaft nicht mehr in Gang bringen kann. In Wirklichkeit hat man mit diesem Vorgehen etwas anderes stimuliert, nämlich dass die Banken im grossen Stil Hypothekenkredite vergeben, weil hier tiefe Zinsen besonders attraktiv sind.

Das würde bedeuten, dass ein grosser Teil des Geldes im Finanzmarkt heute aus Investitionen in Immobilien kommt.
Der allergrösste Teil des Geldes entsteht durch Hypothekenkredite für Immobilien. In der Schweiz sind das ungefähr 85 Prozent von allen Krediten, in Deutschland auch mehr als 50 Prozent. Tendenz steigend. Das meiste Geld wird also nicht geschaffen für Investitionen in die Realwirtschaft, weil Unternehmen bei Banken einen Kredit nachfragen, sondern der grösste Teil der Nachfrage ergibt sich dadurch, dass in Immobilien investiert wird. Auf diese Weise bestimmen die Finanz- und Immobilienmärkte die Geldschöpfung heute.

Welche Auswirkung hat diese Geldpolitik auf die Verbraucher?
Die Krisenpolitik hat zum Boom auf dem Immobilienmarkt geführt. Und dadurch löst sich auch das Rätsel, dass die Geldmenge steigt, aber die Inflation sehr niedrig bleibt. Teilweise sind wir sogar in der Nähe einer Deflation. Die Preissteigerung hat sich verlagert, weg von der Realwirtschaft mit normalerweise steigenden Preisen für Dienstleistungen und Gütern hin zum Immobilienmarkt. Wir nennen das dort nur nicht Inflation, sondern eher spekulative Blase. Immobilieneigentümer freuen sich darüber, mögliche Käufer oder Mieter eher weniger.

Warum wird das viele Geld, das wir infolge der Krisen schaffen, nicht an die Unternehmen durchgereicht, sodass diese es investieren und Wachstum kreieren können?
Weil es gar nicht so viele rentable Investitionsprojekte gibt. Man versucht auch dort schon zu tun, was möglich ist, aber die Möglichkeiten sind knapp. Es ist in vielen Fällen lohnender, an den Finanzmärkten zu investieren als in die Realwirtschaft.

Sehen Sie einen Zusammenhang zwischen der Entwicklung auf den Finanzmärkten und der Debatte um eine wachsende soziale Ungleichheit?
Die soziale Ungleichheit erhöht sich tendenziell durch Exzesse auf Finanzmärkten und am Immobilienmarkt. Kommt es dann zu Krisen, führt dies schnell zu Arbeitslosigkeit, wodurch wiederum die weniger Privilegierten getroffen werden. Es ist aber grundsätzlich so, dass kapitalistische Wirtschaftssysteme immer zu Ungleichheit tendieren. Die Frage ist, wie weit der Staat das korrigiert oder eben nicht. Man kann relativ stark eingreifen, wie etwa in den skandinavischen Ländern, wo in den vergangenen Jahrzehnten alle Einkommensschichten vom Wirtschaftswachstum profitiert haben. Man kann die Ungleichheit auch wenig oder gar nicht korrigieren, wie in den USA, wo vor allem die obersten Einkommensschichten profitiert haben. Das ist letztlich eine politische Frage, aber möglich ist es einzugreifen, etwa über Steuern oder Transferleistungen.

Dieser Artikel wurde zuerst auf «Zeit Online» veröffentlicht. watson hat eventuell Überschriften und Zwischenüberschriften verändert. Hier geht’s zum Original.

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