Wirtschaft
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«Situation ist sehr ernst»: SBB fahren wegen Corona-Krise Riesen-Verlust ein



Vincent Ducrot, CEO SBB, spricht waehrend der Medienkonferenz zum Halbjahresergebnis 2020 der SBB, am Donnerstag, 10. September 2020 in Bern. (KEYSTONE/Anthony Anex)

Der neue SBB-Chef startet mit schlechten Zahlen. Bild: keystone

Die Corona-Krise schlägt sich stark auf das Halbjahresergebnis der SBB nieder: Im ersten Halbjahr weist das Konzernergebnis ein Minus von 479 Millionen Franken aus, im Vorjahr hatten die SBB noch ein positives Ergebnis von 279 Millionen erzielt. Die Auswirkungen der Pandemie werden die SBB auch weiterhin prägen.

«Die Situation ist sehr ernst», sagte SBB-CEO Vincent Ducrot am Donnerstag vor den Medien in Bern, der kurz nach Beginn des Lockdowns sein Amt angetreten hat. Nach einem guten Start ins neue Jahr habe das Coronavirus für einen starken Passagierrückgang gesorgt.

So büssten die SBB im zweiten Quartal rund die Hälfte ihrer Personenverkehrserträge gegenüber dem Vorjahr ein. Der Verlust 419 beträgt Millionen Franken (Vorjahr: plus 124 Millionen Franken), wobei insbesondere der Fernverkehr mit einem Minus von 261 Millionen Franken gegenüber einem Plus von 81 Millionen Franken im Vorjahr betroffen war.

Ab März seien täglich durchschnittlich 810'000 Passagiere befördert worden - mehr als ein Drittel weniger als im Vorjahr (1,29 Millionen). Die Personenkilometer seien um rund 38 Prozent gesunken. Momentan liege die Auslastung im Fernverkehr bei etwas über 70 Prozent, im Regionalverkehr bei 80 Prozent, sagte Ducrot.

Eine zweite Covid-19 Welle, die Entwicklung bei Grossveranstaltungen und im Homeoffice würden sich auf Frequenzen auswirken. Zufrieden ist Ducrot mit der Disziplin der Zugpassagiere, die Maskentragquote sei hoch. Er betonte zudem die Hygienemassnahmen - die SBB würden «massiv mehr reinigen».

Verschuldung ist gestiegen

Die Erträge sind in allen Divisionen stark eingebrochen, gleichzeitig liessen sich die Kosten wegen des weiter geführten Grundangebots während des Lockdowns nur leicht dämpfen. In die Tasche griffen die SBB auch mit Kulanzmassnahmen - sie bezahlten ihren Abo-Kundinnen und Kunden 100 Millionen Franken Entschädigung für das vorübergehend reduzierte Bahnangebot.

Die Verschuldung der SBB liegt nun mit 13,4 Prozent deutlich über der vom Bund geforderten Höchstgrenze von 6,5 Prozent, hiess es weiter. Zur Deckung der Liquiditätsengpässe hat der Bund die kurzfristige Kreditlimite um 550 Millionen Franken erhöht.

Während der laufenden Herbstsession behandelt das Parlament eine Sonderbotschaft im Zusammenhang mit ungedeckten Kosten während der Corona-Krise, darunter im Regionalverkehr. Im Fernverkehr tragen die SBB die Defizite selber, dies seien im ersten Halbjahr 216 Millionen Franken gewesen, sagte Ducrot.

Der Ständerat will öffentliche Verkehrsbetriebe in der Corona-Krise unterstützen. Der Nationalrat berät die Vorlage am Donnerstag.

Sparmassnahmen

Mit Sparmassnahmen wollen die SBB rund 250 Millionen Franken Kosten reduzieren, insbesondere im Bereich IT und Innovation aber auch Werbung, wie Ducrot sagte. Der operative Bahnbetrieb werde nicht davon tangiert.

Fehler in der Planung führten auch zum Lokführermangel, der bereits mehrfach ein Thema war. Für dessen Auswirkungen entschuldigte sich Ducrot, doch zaubern könne man nicht. Vor allem der Raum Genf und Aarau/Olten seien davon betroffen. Eine erste Verbesserung soll mit dem Fahrplanwechsel im Dezember eintreten.

Kunden zufrieden

Laut Ducrot litt die Kundenzufriedenheit nicht unter der Corona-Krise, sie stieg im Vergleich zum Vorjahr um 1,1 Punkte auf 76,6 Prozent. Die Pünktlichkeit liegt neu bei 93,6 Prozent (Vorjahr 91,6 Prozent).

Bei den Generalabonnementen (GA) gab es wegen der Corona-Auswirkungen einen Rückgang von 7 Prozent, total nutzen 459'000 Menschen ein GA (Vorjahr: 493'000), hiess es weiter. Erfreulich sei, dass mehr Reisende mit einem Halbtaxabonnement unterwegs seien, insgesamt 2,72 Millionen (Vorjahr: 2,64 Millionen).

Die SBB rechnen im zweiten Halbjahr mit einer Steigerung der Nachfrage. Man erwarte wegen Corona mittelfristig jedoch weitere Auswirkungen auf das Mobilitätsverhalten. (aeg/sda)

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54 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
Ah_geh
10.09.2020 10:06registriert July 2020
Wenn's nur das wäre! Die SBB hat zu wenig Lokführer, hält Versprechen zur Bedienung gewisser Bahnhöfe (kein 30min-Takt für Dulliken) nicht ein und gebärdet sich bisweilen so unerträglich "cool" als wär sie ein gänzlich privatwirtschaftliches Unternehmen.
Wäre es nicht an der Zeit, dieses administrativ dysfunktionale Konstrukt wieder zu verstaatlichen? Und zwar nicht im Sinne von "die Aktien gehören eh dem Bund", sondern so richtig. Die SBB ist eine zentrale Dienstleisterin im Land, und gewisse marktwirtschaftliche Prinzipien haben bei einem derart subventionierten Betrieb mE nichts verloren.
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DRIVER I
10.09.2020 11:00registriert August 2020
Ducrot darf nun das ausbaden, was die gesamte Leitung kaputt gemacht hat. Man will jetzt mit 90% der alten Führung, die durch diese gemachten Probleme lösen!? Die Leute, die jahrelang alles durchgenickt haben und sich im System „hochgearbeitet“ haben, diese Leute wollen die Probleme lösen? Finde ich unglaublich!!!
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Lustiger Baum
10.09.2020 10:45registriert April 2019
Ohje ein Staatsbetrieb macht Minus. Im Westen nichts Neues.
Die SBB hat keine Konkurrenz und soll sie auch nicht haben. Sie sollen ein Grundangebot gewährleisten und wenns geht Kostenneutral. Nicht in einem Finanzjahr sondern über ihre Existenz Hinweg! Also alles halb so wild und so „Printer goes brrrrr“...
Die SBB würde gut daran tun nicht ein kapitalistischer Ausbeuterbetrieb zu sein. Die Zufriedenheit der Mitarbeiter sinkt jedes Jahr weiter. Wer wird heute noch Lokführer? Ahja, genau, niemand will mehr weil die SBB gar keine Perspektive im Beruf schafft.
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