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Symbol des industrialisierten Krieges: Ein deutsches Eisenbahngeschütz im Ersten Weltkrieg.

Symbol des industrialisierten Krieges: ein deutsches Eisenbahngeschütz im Ersten Weltkrieg. Bild: U.S. National Archives

Der Mann im Trommelfeuer

1914 ziehen Männer euphorisch in den Ersten Weltkrieg. Sie folgen einem Männlichkeitsideal, das im maschinellen Kugelhagel in Stücke gerissen wird. Das Ideal des glorreichen Ritters entpuppt sich als Fata Morgana.

Alexander Rechsteiner / Schweizerisches Nationalmuseum



«Krieg! Es war Reinigung, Befreiung, was wir empfanden, und eine ungeheure Hoffnung», schrieb Thomas Mann im August 1914, kurz nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Der deutsche Schriftsteller formulierte, was viele Menschen in Deutschland, aber auch in Frankreich, England, Russland und Österreich fühlten. «Endlich Krieg!»: Was über 100 Jahre später befremdend klingt, war 1914 eine populäre Meinung.

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Die Zeit zwischen 1870 und 1914 war eine Periode von aussergewöhnlicher politischer Stabilität in Westeuropa. Der letzte grössere Krieg endete 1871 mit einem Sieg der Deutschen über Frankreich. Bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges, rund 40 Jahre später, durchschritt Westeuropa eine beispiellose Transformation: In Deutschland nahm die Stahlindustrie Fahrt auf, Grossbritannien baute seinen Einfluss in Übersee weiter aus, neue Erfindungen wie das Telefon oder die Glühbirne begeisterten die Menschen.

Bewaffnete Konflikte fanden während dieser Zeit in den fernen Kolonien statt. Durch den Filter der Literatur wurden aus diesen Kriegserfahrungen Heldengeschichten, welche die Vorstellungen der Jugend Europas, was Krieg bedeutete, prägten. Es waren Geschichten von mutigen «Gentlemen» mit gepflegten Schnurrbärten und glänzenden Uniformen, die den einheimischen Völkern den «lang ersehnten Fortschritt» brachten, wenn nötig mit Gewalt.

«Forward!»: Dieses britische Propagandaplakat von 1915 stellt den Krieg dar, wie ihn sich viele Männer vorgestellt hatten: Heldenhaft, hoch zu Ross wie ein mittelalterlicher Ritter, bewaffnet mit Säbel.
https://www.iwm.org.uk/collections/item/object/14995

«Forward!»: Dieses britische Propagandaplakat von 1915 stellt den Krieg dar, wie ihn sich viele Männer vorgestellt hatten: Heldenhaft, hoch zu Ross wie ein mittelalterlicher Ritter, bewaffnet mit Säbel. Bild: Imperial War Museums

1914 brach durch eine Verkettung von Ereignissen, Allianzen und aufgrund von Ängsten und Animositäten in Europa der Krieg aus. Nicht nur in deutschen Städten zogen Studenten jubelnd durch die Strassen. Zwar gab es neben der Kriegseuphorie auch skeptische und warnende Stimmen, doch in allen Ländern, die sich am Krieg beteiligten, meldeten sich in den ersten Monaten hunderttausende Männer freiwillig zu den Waffen.

Sie hatten keine Vorstellung davon, dass sie in den ersten industriellen Vernichtungskrieg der Menschheit zogen. Bekannt sind die Bilder von fröhlich winkenden Soldaten in Eisenbahnwaggons, auf denen in Kreide «Ausflug nach Paris» geschrieben steht. Sie rechneten mit einem kurzweiligen, ehrenvollen Krieg, mehr Schlägerei als Schlacht.

Deutsche Soldaten bei der Abreise an die Front, August 1914.
https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bundesarchiv_Bild_146-1994-022-19A,_Mobilmachung,_Truppentransport_mit_der_Bahn.jpg

Deutsche Soldaten bei der Abreise an die Front, August 1914. Bild: Wikimedia / Deutsches Bundesarchiv

In den Köpfen der Soldaten existierte es damals noch, das Ideal des Ritters, der in seiner prächtigen Rüstung in den Krieg zieht. Davon zeugen die farbenfrohen Uniformen mit glänzenden Helmen, auffälligen Mützen und traditionellen Säbeln. Die Kleidung sollte nicht schützen, sondern die Männlichkeit des Trägers zelebrieren, so wie sie es seit Jahrhunderten getan hatte.

Doch das Bild des glorreichen Kriegers entpuppte sich schnell als Fata Morgana. Denn was die Soldaten auf dem Schlachtfeld erwartete, war nicht der Kampf Mann gegen Mann, sondern eine von der Industrialisierung hochgezüchtete und effiziente Kriegsmaschinerie. Im Trommelfeuer der Maschinengewehre werden die Männer niedergemäht, von Granaten zerfetzt und in den Nebelschwaden des Giftgases erstickt.

Französische Soldaten im August 1914. Die französische Uniform von 1914 nahm noch keinerlei Rücksicht auf die moderne Kriegführung.
https://www.pinterest.ch/pin/454863631105264429/

Französische Soldaten im August 1914. Die französische Uniform von 1914 nahm noch keinerlei Rücksicht auf die moderne Kriegsführung. Bild: Pinterest

Der industrielle Krieg macht deutlich: Das Ideal der Männlichkeit unterliegt der Maschine, die es selbst erschaffen hat. Was bleibt, sind Leichen, Prothesen und vom Bombendonner in den Wahnsinn getriebene Gestalten. Männer mit körperlichen Verstümmelungen und psychischen Schäden kehren das bisher gültige Männlichkeitsideal ins Gegenteil. Diese Ideale werden seit der Antike immer wieder neu verhandelt.

Doch der Blick in die westeuropäische Geschichte zeigt, dass der Mann den Idealen nie gerecht wird und an ihnen regelmässig zerbricht. Bei aller Dominanz bleibt er auf tragische Weise in Rollenbilder verstrickt. Auch die Erfahrung des Ersten Weltkriegs führt zu einem Wandel des männlichen Rollenbildes. Die Kunst der Zwischenkriegszeit zeugt davon. Und der Mann zieht zwar weiterhin in den Krieg, er tut dies nun aber nicht nur besser geschützt, sondern in der Regel auch weit weniger euphorisch.

Der erschöpf­te Mann

16.10.2020 – 10.01.2021
Landesmuseum Zürich

Seit Jahrhun­der­ten pendeln Ideale der Männlich­keit zwischen unverletz­li­cher Stärke und offen gezeigter Schwäche. Die vierte Schau der beiden Gastku­ra­to­ren Stefan Zweifel und Juri Steiner im Landes­mu­se­um unternimmt einen Streifzug durch die europäi­sche Kulturge­schich­te des Mannes. Seine Spuren finden sich durch die Jahrhun­der­te in Kunst, Geschich­te, Literatur oder Kino.

>>> Weitere historische Artikel auf: blog.nationalmuseum.ch

watson übernimmt in loser Folge ausgesuchte Perlen aus dem Blog des Nationalmuseums. Der Beitrag «Der Mann im Trommelfeuer» erschien am 3. November.
blog.nationalmuseum.ch/2020/11/der-mann-im-kugelhagel

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