Wissen
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Damen in Kirchenbekleidung, David Herrliberger, Zürich, 1749.

Damen in Kirchenbekleidung, David Herrliberger, Zürich, 1749. Bild: Zentralbibliothek Zürich

Schwarz – von der Farbe der Fürsten zur Farbe der Hipster

Der Farbe Schwarz haftet der Hauch des Todes, der Trauer und des Nichts an. Aber Schwarz ist mehr als ein Synonym für düstere Zeiten. Es ist auch eine grosse Farbe der Mode.

Andrea Franzen / Schweizerisches Nationalmuseum



1949 schockiert die Pariser Avantgarde-Galerie Maeght an der Rue du Bac in Paris mit dem Titel «Schwarz ist eine Farbe». Was damals pure Provokation war, ist heute selbstverständlich. Doch bis ins 20. Jahrhundert gilt Schwarz – genau wie Weiss – nicht als vollwertige Farbe. So wird es an den Kunstgewerbeschulen gelehrt.

Verschiedene Künstler und Modeschöpfer machen Schwarz zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu ihrem Stilmittel. Damit bekommt Schwarz einen neuen Stellenwert und wird Rot, Blau, Gelb oder Grün ebenbürtig. Einer der Modeschöpfer, der Schwarz für sich entdeckt, ist der spanische Couturier Cristóbal Balenciaga (1895–1972). Er findet in der Farbe Schwarz eine unerschöpfliche Inspirationsquelle.

In this photo provided by the Musee des Arts Decoratifs a model weard a 1938 Balenciaga dress. A new restrospective on the couturier of the couturier, Cristobal Balenciaga, opens Thursday in Paris and will run from July 6, 2006 to Jan. 28, 2007 at the Musee de la Mode et du Textile. (AP Photo/Andre Durst) EDITORIAL USE ONLY - NO ARCHIVE - - MAGAZINES OUT

Ein Kleid von Cristóbal Balenciaga aus dem Jahr 1938. Bild: Keystone / Andre Durst

Modegeschichte schreibt 1926 das «Kleine Schwarze» von Gabrielle Coco Chanel, das erstmals 1926 auf dem Cover der amerikanischen Modezeitschrift «Vogue» erscheint. Eine grosse Bedeutung hat die Farbe Schwarz in der Bekleidung jedoch schon Jahrhunderte früher.

Hier bloggt das Schweizerische Nationalmuseum

Mehrmals wöchentlich spannende Storys zur Geschichte der Schweiz: Die Themenpalette reicht von den alten Römern über Auswandererfamilien bis hin zu den Anfängen des Frauenfussballs.
blog.nationalmuseum.ch

Die Farbe der Fürsten

Ende des 13. Jahrhunderts beginnen sich in europäischen Städten Rechtsgelehrte, Juristen und Richter nach dem Vorbild der Geistlichen schwarz zu kleiden. Schwarz ist in ihren Augen tugendhaft und rein. Ab Mitte des 14. Jahrhunderts erscheinen italienische Bankiers und Geschäftsleute in schwarzer Kleiderfarbe. Damit können sie die vom Adel definierten Luxusgesetze und Kleiderordnungen umgehen, die ihnen Scharlachrot oder das Florentiner «Pfauenblau» verbieten.

Mit Philipp dem Guten, Herzog von Burgund (1419–1467), etabliert sich Schwarz in der burgundischen Hofetikette und avanciert nach 1500 in Europa schliesslich zur absoluten Trendfarbe. Dies hängt mit Karl V. zusammen, der 1519 Kaiser von Spanien wird. Er erbt die Niederlande, Spanien und einen Teil von Italien. Damit wird der spanische Hof zum Zentrum der Macht und ist auch in der Mode tonangebend. Gemeinsam mit dem starren spanischen Hofzeremoniell entwickelt sich die sogenannte Spanische Hofmode und verbreitet sich in ganz Europa.

Anna von Österreich, Königin von Spanien (1549-1580) gemalt von Alonso Sánchez Coello, 1771.

Anna von Österreich, Königin von Spanien, (1549–1580) gemalt von Alonso Sánchez Coello, 1771. Bild: Kunsthistorisches Museum Wien

Sie zeichnet sich durch Eleganz und Formenstrenge aus. Der Körper der Dame wird durch ein Korsett und einen kegelförmigen Rock geformt. Herren tragen die Heerpauke, eine Art Pumphose mit Strümpfen. Wichtiges Element beider Geschlechter ist die weisse Halskrause. Düstere Farbnuancen und Schwarz werden für kostbare Gewebe bevorzugt. Trotzdem ist diese Mode nicht durchgehend schwarz. Helle und bunte Unterstoffe scheinen hervor und obwohl Schwarz in dieser Zeit europaweit Verbreitung findet, wird das spanische Modevorbild individuell interpretiert. Oft auch in bunten Farben.

Die Vorliebe für schwarze Kleiderfarben hält sich bis Mitte des 17. Jahrhunderts. In vielen Ländern, so auch in der Schweiz, überdauern Elemente dieser Mode länger. Ein Beispiel dafür ist das Zürcher Kirchenkleid – eines der ältesten Damenkleider in der Sammlung des Schweizerischen Nationalmuseums.

Zürcher Kirchenkleid aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Der Schleier wurde rekonstruiert.

Zürcher Kirchenkleid aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Der Schleier wurde rekonstruiert. Bild: Schweizerisches Nationalmuseum

Ein Symbol für den Protestantismus

Das düster wirkende Wollkleid aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts vereint das modische Schwarz mit protestantischer Strenge. Mieder und Jupe stammen aus der Familie Edlibach, einer der vermögendsten und einflussreichsten Zürcher Familien. Dieses Kleid ist in der Limmatstadt für den Kirchgang bestimmt. Das macht eine Darstellung des Schweizer Kupferstechers und Verlegers David Herrliberger (1697–1777) von 1749 deutlich.

Was zu welchem Anlass von welchem gesellschaftlichen Stand getragen werden darf, ist im ganzen Ancien Régime in den Kleidervorschriften geregelt. Damen müssen in der Kirche eine weisse Haube tragen, das «Tächli Tüchli». Sie ist, ausser bei der Hochzeit, die einzige erlaubte Kopfbedeckung im Gotteshaus und wird mit der Zeit spitzig und luftig hoch. Bei Trauer trägt die adlige Dame den weissen, links über die Schulter hängenden Trauerschwengel.

In den Augen der Reformatoren ist Kleidung Sinnbild von Scham und Sünde, denn sie steht im Zusammenhang mit dem Sündenfall. Kleidung soll Demut und Reue ausdrücken. Die Farbe Schwarz erfüllt genau das und gilt als angemessene Farbe der protestantischen Lehre.

Schwarzfärberei

Entgegen ihrer zurückhaltenden Ausstrahlung ist schwarze Farbe lange Zeit teuer zu färben. Zuständig dafür sind in der Schweiz selbstständige Färber, die im Auftrag von Webern und Kaufleuten einheimische oder importierte Ware färben.

Bis zur Entdeckung synthetischer Farbstoffe Mitte des 19. Jahrhunderts werden zum Färben von Stoffen pflanzliche und tierische Naturfarbstoffe benutzt. Mit Rinden, Wurzeln und Früchten werden eher Braun- und Grautöne erzielt. Tiefes Schwarz kann nur mit Galläpfeln erreicht werden. Diese runden Ausformungen an der Unterseite von Eichenblättern entstehen durch abgelegte Eier von Gallwespen. Sie müssen aus Osteuropa, dem Nahen Osten oder Nordafrika importiert werden, weil sie an abendländischen Eichen nicht häufig vorkommen oder von schlechter Qualität sind.

Der Färber, Holzschnitt aus dem Ständebuch von Jost Ammann, 1568.

Der Färber, Holzschnitt aus dem Ständebuch von Jost Ammann, 1568. Bild: Schweizerische Nationalbibliothek.

Im 16. Jahrhundert gelingen Fortschritte im Färberhandwerk. Schwarze Textilien werden erschwinglicher, doch sie bleiben über Jahrhunderte ein Luxusprodukt – vor allem schwarze Seide. Dies zeigt sich nicht zuletzt darin, dass das beste Kleid einer Frau bis Ende des 19. Jahrhunderts oft ein schwarzes ist. Mit ein Grund dafür, warum im Zeitalter der Industrialisierung in der Schweiz in der Regel in Schwarz geheiratet wird.

Fotografie, Brautpaar im Studio, um 1865-1930, Fotograf unbekannt.

Fotografie, Brautpaar im Studio, um 1865–1930, Fotograf unbekannt. Bild: Schweizerisches Nationalmuseum

Auch im 19. Jahrhundert ist Schwarz zentral in der Mode. Damals bestimmt Schwarz die Herrengarderobe eleganter Dandys; aber auch der breiten Bevölkerung. Der Anzug, in seiner heutigen Form, wird erfunden.

Herrenanzug des Schneiderateliers J. Diebold & Fils aus Zürich, um 1909-1910.

Herrenanzug des Schneiderateliers J. Diebold & Fils aus Zürich, um 1909–1910. Bild: Schweizerisches Nationalmuseum

Aktuell prägt Schwarz das Bild der Mächtigen in Politik und Wirtschaft. Schwarz sind aber auch die eleganten Abendgarderoben auf dem roten Teppich, die Bikerjacken oder die minimalistisch geschnittenen Kleider der Intellektuellen. Bis heute scheint Schwarz nichts von seiner Beliebtheit eingebüsst zu haben.

>>> Weitere historische Artikel auf: blog.nationalmuseum.ch

watson übernimmt in loser Folge ausgesuchte Perlen aus dem Blog des Nationalmuseums. Der Beitrag «Eine grosse Farbe» erschien am 5. August.
blog.nationalmuseum.ch/2020/08/modefarbe-schwarz

Mehr vom Blog des Nationalmuseums übernommene Beiträge:

Diese Frau schneidert aus Stoffresten ganze Kollektionen

Video: srf/Roberto Krone

DANKE FÜR DIE ♥

Da du bis hierhin gescrollt hast, gehen wir davon aus, dass dir unser journalistisches Angebot gefällt. Wie du vielleicht weisst, haben wir uns kürzlich entschieden, bei watson keine Login-Pflicht einzuführen. Auch Bezahlschranken wird es bei uns keine geben. Wir möchten möglichst keine Hürden für den Zugang zu watson schaffen, weil wir glauben, es sollten sich in einer Demokratie alle jederzeit und einfach mit Informationen versorgen können. Falls du uns dennoch mit einem kleinen Betrag unterstützen willst, dann tu das doch hier.

Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen?

(Du wirst zu stripe.com (umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)

Oder unterstütze uns mit deinem Wunschbetrag per Banküberweisung.

Nicht mehr anzeigen

100 Mal Hollywood in Schwarz-Weiss (und mit vielen Zigis)

Luxusmarken verzichten zunehmend auf Tierpelze

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Die letzte zivile Hinrichtung

Am 18. Oktober 1940 wurde in Sarnen das letzte zivilrechtliche Todesurteil der Schweiz vollzogen. Obwohl Hans Vollenweider drei Menschen umgebracht hatte, wurde er nur für einen Mord verurteilt.

Am 18. Oktober 1940 um 2 Uhr wurde Hans Vollenweider in Sarnen durch die Guillotine hingerichtet. Der Zürcher hatte 1939 einen Obwaldner Polizisten erschossen. Zwei weitere Morde in den Kantonen Zürich und Zug, die ebenfalls von Vollenweider begangen worden sind, waren allerdings nicht Teil dieses Urteils. Das Ende von Hans Vollenweider war die letzte Vollstreckung eines zivilrechtlichen Todesurteils in der Schweiz.

Hans Vollenweider, 1908 in Zürich geboren, verbrachte eine unaufgeregte …

Artikel lesen
Link zum Artikel