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Aerial view of the annual Street Parade in Zurich's city center August 12. Around 500,000 people took to the streets to enjoy the biggest party in Switzerland. (KEYSTONE/Martin Ruetschi)

Das Verbot von Grossveranstaltungen – hier die Street Parade in Zürich – kann die Ausbreitung des Coronavirus deutlich bremsen. Bild: KEYSTONE

Wie man das Coronavirus am besten bremst – und welche Länder das am besten schaffen



Seit die Corona-Pandemie Europa erreicht hat, diskutieren Experten, Politiker und auch die Allgemeinheit die Frage, welche Massnahmen geeignet sind, die Ausbreitung von SARS-CoV-2 zu bremsen. Zugleich – und mit dieser Frage verschränkt – gibt es auch eine Diskussion darüber, welche Länder mit der Herausforderung durch die Pandemie am besten fertig werden.

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Das Länder-Ranking

Der zweiten Frage hat sich die Wirtschaftsagentur «Bloomberg» angenommen. In einem umfassenden interaktiven «Covid Resilience Ranking» analysierte «Bloomberg» über 50 Länder und zog dafür insgesamt zehn Faktoren in Betracht, die sich nicht – wie dies sonst oft der Fall ist – auf die Fallzahlen, die Sterblichkeit und andere Pandemie-Daten beschränken, sondern auch mit dem Bereich Lebensqualität («Quality of Life») zu tun haben. Berücksichtigt und gewichtet wurden:

Relativ milde Lockdowns

Den Spitzenplatz belegt Neuseeland. Das ist kaum verwunderlich, das Land hat derzeit keine inländischen Covid-Neuansteckungen mehr. Wie beim zweitplatzierten Japan und drittplatzierten Taiwan trugen aber nicht nur die niedrigen Fallzahlen zum guten Abschneiden bei: Die drei Staaten bilden auch beim Faktor «Lockdown Severity» das Spitzentrio; das heisst, dass der Lockdown dort verhältnismässig mild verlief. Auch die Einschränkung der Mobilität war nicht so tiefgreifend.

Karte: Covid-Resilience-Ranking von Bloomberg
https://twitter.com/business/status/1331429480011804672/photo/1

Covid-Resilience-Ranking: Blau gefärbte Länder werden mit der Pandemie besser fertig als rot gefärbte. Karte: Twitter/Bloomberg

Den drei erstplatzierten Ländern kommt auch zugute, dass sie in Kategorien wie dem Index der menschlichen Entwicklung oder der Qualität der allgemeinen Gesundheitsversorgung ebenfalls relativ gut dastehen.

Schweiz im Mittelfeld

Nach Japan und Taiwan belegt mit Südkorea ein weiteres ostasiatisches Land den vierten Platz, danach folgen mit Finnland und Norwegen die ersten europäischen Länder. Die Schweiz liegt auf Platz 26, also im Mittelfeld. Von unseren Nachbarländern schneidet nur Deutschland (14) besser als die Schweiz ab. Österreich liegt auf Rang 36, noch schlechter sieht es für Italien (40) und Frankreich (45) aus. Das letztplatzierte europäische Land ist Belgien (50), hinter dem nur noch Peru, Argentinien und auf dem letzten Platz Mexiko folgen.

Weit abgeschlagen auf dem 51. von insgesamt 53 Rängen liegt die Schweiz bei den Fallzahlen im Verhältnis zur Einwohnerzahl. Nur Belgien und Tschechien rangieren hier noch hinter der Schweiz. Auch bei der Positivitätsrate brilliert unser Land nicht: Es liegt auf Platz 43. Nur drei europäische Länder fallen in dieser Kategorie noch weiter zurück, nämlich Rumänien, Tschechien und Polen. Eine hohe Positivitätsrate ist ein Indiz dafür, dass es in der Bevölkerung eine hohe Zahl von unbemerkten Infektionen gibt.

In der Gesamtbetrachtung der «Bloomberg»-Analysten kommen jene Staaten besser weg, deren Lockdown-Regime weniger harsch ausfiel und die die Mobilität der Bevölkerung weniger stark einschränkten. Allerdings verhängte gerade Spitzenreiter Neuseeland mehrmals konsequente Lockdowns, die aber nur kurz in Kraft blieben – über die ganze Zeit hinweg gesehen waren die Massnahmen eher mild. Der Regierung von Jacinda Ardern gelang es überdies, die Bevölkerung durch eine offene und klare Kommunikation von der Notwendigkeit der Massnahmen zu überzeugen. Im Ranking unbeachtet blieb die Tatsache, dass Neuseeland stark von seiner Insellage profitiert haben dürfte – was ebenfalls für Japan, Taiwan und zu einem gewissen Grad sogar für Südkorea gilt.

Japan, das trotz der weltweit ältesten Bevölkerung nur wenig Covid-Todesfälle zu beklagen hat, profitierte zudem von einem System öffentlicher Gesundheitszentren, die mit eingespielten Contact-Tracing-Teams ausgestattet sind. Diese Infrastruktur, die vornehmlich der Bekämpfung der Tuberkulose diente, war bereits vor Ausbruch der Pandemie vorhanden. Die Japaner waren ausserdem an das Tragen von Masken gewöhnt und befolgten auch die Regeln des Social Distancing gut.

Früh und entschlossen reagieren

Sowohl Neuseeland wie auch Japan und Taiwan reagierten auf den Ausbruch der Corona-Pandemie früh und entschlossen. Entscheidend waren dabei effektives Testen und Contact Tracing – dies zeichnet im Übrigen nahezu alle Länder in den Top Ten aus, wie die «Bloomberg»-Autoren betonen.

Die europäischen Spitzenreiter – neben Finnland und Norwegen rangiert mit Dänemark (9) noch ein weiteres nordeuropäisches Land unter den Top Ten – reagierten mit rigorosen Grenzschliessungen auf die Pandemie. Die «Bloomberg»-Analysten sehen bei den erstgenannten beiden Staaten als Grund für den Erfolg, dass sie eine effiziente Grenzkontrolle einrichten konnten. Ähnliches gilt auch für Australien.

Das Bloomberg-Ranking entkräftet schliesslich auch das oft vorgebrachte Argument, autoritäre Staaten wie etwa China hätten das Virus besser im Griff als Demokratien, weil sie unpopuläre Massnahmen einfach verordnen könnten. Immerhin bei acht der zehn Top-Ten-Staaten handelt es sich nämlich um Demokratien.

Die Effizienz der Massnahmen

Der Frage, welche Massnahmen die Corona-Pandemie am besten bekämpfen, widmet sich auch eine britische Studie, die am 22. Oktober im Fachmagazin «The Lancet» publiziert worden ist. Die Forscher der University of Edinburgh untersuchten die Auswirkungen der Massnahmen in 131 verschiedenen Ländern auf die Nettoreproduktionszahl R während der ersten Welle (Januar bis Juli 2020). Der sogenannte R-Wert drückt aus, wie viele weitere Personen ein Infizierter im Schnitt ansteckt. Liegt die Zahl bei über 1, steigt die Zahl der Neuinfektionen; liegt er unter 1, gehen sie zurück.

Die Wissenschaftler analysierten auch den Effekt, den die Lockerung dieser Massnahmen auf die Ausbreitung von SARS-CoV-2 hatte. Die acht untersuchten Massnahmen (sogenannte NPIs, das heisst nicht-pharmakologische Interventionen) waren:

Grosse Unterschiede

Es zeigte sich, dass die Massnahmen tatsächlich zur Unterbrechung der Infektionsketten führen können. Den stärksten Effekt hatte laut der Studie das Verbot von Grossanlässen: Innerhalb von vier Wochen vermochte diese Massnahme den R-Wert um 24 Prozentpunkte zu senken. Schulschliessungen waren etwas weniger wirksam, brachten aber immerhin noch 15 Prozentpunkte Rückgang. Die Homeoffice-Pflicht war für minus 13 Prozentpunkte gut.

Hier der zeitliche Verlauf der acht untersuchten Maßnahmen (NPIs, nicht-pharmakologische Interventionen). Auf der vertikalen Achse der Faktor, um den sich R in den ersten 28 Tagen nach Einführung erhöht oder verringert hat, jeweils mit Mittelwerten und 95% Konfidenzintervallen.
https://www.thelancet.com/journals/laninf/article/PIIS1473-3099(20)30785-4/fulltext#figures

Verlauf der Massnahmen über 28 Tage hinweg. Die roten vertikalen Linien (Konfidenzintervalle mit Mittelwerten) zeigen die Veränderung von R nach Einführung der Massnahmen, die blauen Linien nach deren Aufhebung. Diagramm: The Lancet

Reisebeschränkungen im Inland brachten nach vier Wochen einen Rückgang von 7 Prozentpunkten. Nur um 3 Prozentpunkte konnte das Verbot der Ansammlung von mehr als 10 Menschen den R-Wert senken; den gleichen Effekt hatten Ausgangsbeschränkungen. Sehr wenig brachte die Stilllegung des öffentlichen Verkehrs; sie bewirkte lediglich einen Rückgang um 1 Prozentpunkt. Grenzschliessungen, also internationale Reisebeschränkungen, erwiesen sich als recht wirksam – aber nur kurzfristig: Eine Woche nach Einführung war der R-Wert um 11 Prozentpunkte gesunken, aber nach vier Wochen wieder um 8 Punkte gestiegen.

Wiederanstieg nach Lockerungen

Nach der Lockerung oder Aufhebung der Massnahmen kam es jeweils wieder zu einem – teilweise massiven – Anstieg von Infektionen. Vier Wochen nach der Aufhebung des Verbots von Grossanlässen war der R-Wert um 21 Prozentpunkte gestiegen. Noch stärker war der Effekt nach der Wiedereröffnung der Schulen (24 Prozentpunkte) und der Aufhebung des Ansammlungsverbots von mehr als zehn Personen (25 Prozentpunkte). Die Aufhebung von Reisebeschränkungen (+13 Prozentpunkte) und Ausgangsbeschränkungen (+11 Prozentpunkte) fiel etwas weniger ins Gewicht. Die Wiederaufnahme des ÖV führte zu einem Anstieg von 4 Prozentpunkten, bei der Wiedereröffnung der Betriebe war es nur gerade 1 Prozentpunkt. Die Öffnung der Grenzen brachte nach vier Wochen sogar einen Rückgang von 2 Prozentpunkten.

Wie ein Blick auf das obenstehende Balkendiagramm zeigt, führten Reisebeschränkungen im Inland sowie Kontakt- und Ausgangsbeschränkungen nur zu einem mässigen bis geringen Rückgang des R-Werts, während die Aufhebung dieser Massnahmen einen starken Anstieg nach sich zog. Einschränkungen des öffentlichen Verkehrs brachten wenig, deren Lockerung verursachte jedoch ebenfalls keinen bedeutenden Anstieg des R-Werts. Schulschliessungen konnten den R-Wert relativ stark drücken, aber die Wiedereröffnung liess diesen stark ansteigen. Die Homeoffice-Pflicht erwies sich als wirksam, während deren Aufhebung kaum zu einem Anstieg führte.

ARCHIVBILD --- ZUM SORGENBAROMETER 2020 DER CREDIT SUISSE STELLEN WIR IHNEN FOLGENDES BILD ZUR VERFUEGUNG --- Fred, enseignant dans l'ecole vaudoise et pere de famille fait du home office depuis le salon de sa maison, en gardant son fils Oscar, suite a la fermeture des ecoles dans le canton de Vaud et dans la Suisse entiere a cause de la propagation du coronavirus (Covid-19) le lundi 16 mars 2020 a Lausanne. (KEYSTONE/Jean-Christophe Bott)

Die Homeoffice-Pflicht ist eine der wirksameren Massnahmen. Bild: keystone

Massnahmen wirken mit Verzögerung – und kombiniert besser

Die Einführung der Massnahmen wirkte sich jeweils mit Verzögerung aus. Durchschnittlich dauerte es rund acht Tage, bis sich 60 Prozent der maximal festgestellten Reduktion des R-Werts in Zahlen niederschlug. Bei der Aufhebung der Massnahmen dauerte es im Schnitt sogar 17 Tage, bis sich die entsprechende Veränderung manifestierte.

Bedeutsam ist die Erkenntnis, dass eine Kombination von Massnahmen stärker wirkte als deren einzelne Effekte in der Summe. Dieser Synergieeffekt war eindeutig feststellbar, obwohl er nicht stark ausfiel. Die Studienautoren weisen aber darauf hin, dass gemäss ihren Berechnungen eine Kombination von fünf verschiedenen Massnahmen – etwa das Verbot von Grossveranstaltungen und Betriebsschliessungen, jedoch ohne Schulschliessungen – den R-Wert mehr als zu halbieren vermochte.

Kritische Stimmen

Allerdings gibt es auch Kritik an der Studie. So ist die Datenbasis teilweise lückenhaft, gerade auch im Vergleich von Entwicklungsländern mit Industriestaaten. Auch die Studienautoren räumten ein, dass sie beispielsweise beim Effekt, den die Wiedereröffnung der Schulen hatte, keine Unterschiede berücksichtigen konnten, wie der Unterricht abgehalten wurde (Maskenpflicht, geteilte Klassen, Lüften).

Der Fehlerbereich war zudem bei einigen Massnahmen oder deren Aufhebung recht gross, insbesondere bei der Öffnung der Grenzen. Am geringsten war die Irrtumswahrscheinlichkeit beim Verbot von Grossveranstaltungen.

Fazit

Die «Bloomberg»-Analyse und die britische Studie lassen sich nicht direkt vergleichen. Was sich aus diesen beiden Untersuchungen aber ziehen lässt, ist die Erkenntnis, dass Massnahmen offenbar den R-Wert senken können, wenn auch in unterschiedlichem Ausmass. Widersprüchlich erscheinen dabei jedoch vor allen Dingen die internationalen Reisebeschränkungen. Die «Bloomberg»-Autoren werten Grenzschliessungen als wichtigen Faktor für den Erfolg gewisser Staaten im Kampf gegen die Pandemie – während sie in der Studie der britischen Forscher eher als wenig wirksam erscheinen. In diesem Widerspruch widerspiegelt sich nicht zuletzt die Schwierigkeit, ein sich gerade abspielendes Geschehen wissenschaftlich zu erfassen. Grössere Klarheit wird hier wohl erst nach dem Ende der Pandemie zu schaffen sein.

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