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SpaceX-Start

Start einer Falcon-Heavy-Trägerrakete von SpaceX.  Bild: Flickr

Kommentar

Warum Weltraumkolonisierung katastrophal schiefgehen kann

Marko Kovic



Im Weltall ist es eigentlich sehr kalt, aber das Treiben im All wird zunehmend hitziger. Amazon-Chef Jeff Bezos will mit seiner Raumfahrt-Firma Blue Origin den Mond kolonisieren und ihn als Standort für gigantische Fabriken nutzen. Tesla-Chef Elon Musk will mit seiner Raumfahrt-Firma SpaceX noch weiter gehen und permanente menschliche Habitate auf dem Mars einrichten.

Dr. phil. Marko Kovic ist Präsident von ZIPAR – Zurich Institute of Public Affairs Research und von Skeptiker Schweiz – Verein für kritisches Denken. Zudem ist er CEO der Beraterfirma ars cognitionis.

Auch US-Präsident Donald Trump mischt bei der Eroberung des Weltalls mit: Unlängst hat er verkündet, die USA würden eine neue Streitkraft, die «Space Force», einrichten, um die Amerikaner zur dominierenden Macht im Weltall zu machen. 

Zum ersten Mal seit dem «Space Race» zu Zeiten des Kalten Krieges, als sich die Sowjetunion und die USA in einem technologischen Weltraum-Wettrüsten befanden, ist wieder ein globales Weltraum-Fieber ausgebrochen. Und dieses Mal geht es nicht nur um Prestige, sondern letztlich um die Wurst aller Würste: das Überleben der Menschheit.

Die Menschheit ist hier auf der Erde nämlich einem Klumpenrisiko ausgesetzt: Wenn auf der Erde etwas katastrophal schief geht, könnte die gesamte Menschheit existenziell bedroht sein. Wenn Menschen hingegen auch jenseits der Erde leben, reduzieren sich diese existenziellen Risiken stark. 

Bis der Traum von der Kolonisierung des Weltraums wahr wird, müssen zwar noch einige technologische Hürden überwunden werden, aber wir befinden uns eigentlich bereits mitten im Kolonisierungs-Wettlauf. In der Kolonisierungs-Euphorie vergessen wir aber eine sehr wichtige Frage: Wie sieht es eigentlich mit den Risiken der Weltraumkolonisierung aus? 

SpaceX-Start SES-12 Mission

Aufbruch ins Weltall: Eigentlich stecken wir bereits mitten im Kolonisierungs-Wettlauf.  Bild: Flickr

Politische Risiken

Die politische Grundlage für Weltraumkolonisierung ist der «Outer Space Treaty», ein internationales Abkommen von 1967. In diesem Abkommen wird festgehalten, dass das Weltall allen Menschen gleichermassen gehört und dass es möglichst friedlich zugunsten aller Menschen genutzt werden soll. So sind etwa Massenvernichtungswaffen im Weltall explizit verboten. Der Outer Space Treaty belässt vieles aber schwammig, weiterführende Ankommen gibt es praktisch keine – das Weltall ist fast eine Art wilder Westen, wo jeder machen kann, was ihm beliebt.

Es überrascht daher kaum, dass einzelne Länder vor allem ihre eigenen Interessen vertreten wollen. So ist in den USA beispielsweise seit 2016 ein Gesetzesentwurf in Arbeit, der es amerikanischen Firmen explizit erlaubt, Rohstoffe im Weltall profitorientiert abzubauen, obwohl dies möglicherweise an dem Verbot eigennütziger Aneignung von Himmelskörpern, wie es im Outer Space Treaty festgehalten ist, ritzt. 

Die Ungewissheit ist noch viel grösser, wenn wir weiter in die Zukunft denken. Angenommen, eine zukünftige Kolonie auf dem Mars beschliesst, unabhängig zu werden. Unter welchen Bedingungen wäre eine solche Sezession akzeptabel? Müsste die Mars-Kolonie ein demokratisches System sein? Würden autoritäre Länder auf der Erde, die demokratische Prinzipien wie Volkssouveränität ablehnen, eine Sezession akzeptieren, oder käme es zu gewaltsamer Unterdrückung der Unabhängigkeitsbewegung?

Ebenso ist ungewiss, was genau geschieht, wenn es dereinst unabhängige Kolonien geben sollte: Schaffen wir es, eine gemeinsame Föderation der Menschheit zu errichten, oder geht jede Kolonie abgeschottet ihren eigenen Weg? 

Darstellung einer Weltraumstation https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/e/e1/Stanford_Torus_cutaway.jpg/1280px-Stanford_Torus_cutaway.jpg

Illustration aus den 70er-Jahren einer bewohnten Raumstation.  Bild: Wikimedia

Moralische Risiken

Weltraumkolonisierung dürfte dazu führen, dass die Anzahl existierender Menschen zunimmt, möglicherweise sogar um ganze Grössenordnungen. Dies wirft eine vielleicht unangenehme moralische Frage auf: Ist es eigentlich grundsätzlich gut, dass (viel) mehr Menschen existieren? 

Angenommen, auf dem Mars leben dereinst zwei Milliarden Menschen. Aufgrund der eher geringen Schwerkraft auf diesem Planeten (rund 38% jener der Erde) sind Menschen auf dem Mars von schwerwiegenden physiologischen Gebrechen geplagt, darunter Knochen- und Muskel-Fehlbildungen. Die Folge ist, dass die gebürtigen Mars-Bewohner ihr Leben lang heftige Schmerzen leiden, ohne Aussicht auf Besserung.

In diesem Szenario existieren zwar zwei Milliarden mehr Menschen, als dies ohne Weltraumkolonisierung der Fall wäre – aber sind diese zwei Milliarden Menschenleben wirklich lebenswert, wenn sie doch so viel mehr leiden müssen als wir Menschen auf der Erde? 

Mars-Mission

Dürfte eine Mars-Kolonie beschliessen, unabhängig zu werden? Und wie würde die Erde auf eine solche Sezession reagieren?  Bild: Wikimedia

Gemäss einem berühmten Argument in der Bevölkerungsethik, der «widerlichen Schlussfolgerung», lautet die Antwort: Womöglich ja, weil in einer solchen Konstellation das Glück aller Menschen in der Summe grösser sein kann, als wenn es diese zwei Milliarden Menschen nicht gäbe. Das ist aber in der Tat widerlich, weil das bedeuten würde, dass wir zum Beispiel auch eine Sklavenkolonie errichten dürften, deren Bewohner für uns privilegierte Erdenbewohner Tag und Nacht in Minen schuften, weil sogar diese Sklaven eine gewisse Menge Glück empfinden. 

Durch Weltraumkolonisierung könnten also bereits heute bestehende Probleme rund um Bevölkerungsethik regelrecht explodieren. Doch das ist nicht alles, denn mit fortschreitender Kolonisierung kommen noch weitere moralische Probleme hinzu: Dürfen wir mit allfälligen primitiven ausserirdischen Lebensformen physisch Kontakt haben, oder müssen wir sie ohne unsere Eingriffe gedeihen lassen? Und wie sieht es mit empfindungsfähigen ausserirdischen Lebensformen aus – dürfen wir beispielsweise ausserirdische Tiere schlachten und essen?

Illustration: Erkundung der Mars-Oberfläche

Auf dem Mars ist die Schwerkraft niedriger als auf der Erde. Das würde zu gesundheitlichen Problemen führen. Bild: Wikimedia

Sicherheitsrisiken

Wir Menschen haben die Angewohnheit, in Gruppen zu denken: Unsere Innengruppe ist gut, die Aussengruppe ist schlecht. Diese identitätsstiftende Heuristik gibt uns zwar Halt und Perspektive, aber sie ist auch die Wurzel manch eines hässlichen Konfliktes. Dieses Gruppendenken könnte sich im Zuge der Weltraumkolonisierung katastrophal zuspitzen. Wenn nämlich Innen- und Aussengruppen inskünftig anhand der Zugehörigkeit zu Kolonien, also beispielsweise zu unterschiedlichen Planeten, definiert werden, kann die Distanz zwischen den Gruppen mehr als nur sprichwörtlich unüberwindbar werden. 

Starkes Gruppendenken geht immer einher mit einem Abbau von Vertrauen. Je weniger sich unterschiedliche Gruppen vertrauen, je weniger also ein überbrückender Kitt zwischen Gruppen vorhanden ist, desto grösser wird die Gefahr, dass es zwischen den Gruppen zu Konflikten kommt. Die letzten rund 500 Jahre auf unserem Planeten sind insgesamt zwar von einer bemerkenswerten Abnahme von Gewalt und Konflikten geprägt, aber der Ausbruch des Friedens ist eben genau die Folge davon, dass die Welt näher zusammengerückt ist und unser Gruppendenken abgenommen hat.

Wenn im Zuge der Weltraumkolonisierung neue Gruppen und gigantische Klüfte zwischen diesen Gruppen entstehen, könnte dies die Grundlage für Kriege in noch nie dagewesenem Ausmass darstellen. Somit könnte die Kolonisierung des Weltraums paradoxerweise letztlich dazu führen, dass ein neues existenzielles Risiko für die Menschheit entsteht. 

Mars-Kolonie

Im Zuge der Weltraumkolonisierung könnten neue Gruppen entstehen – und Konflikte zwischen ihnen. Bild: Wikimedia

Weckruf für die Politik

Die Risiken der Weltraumkolonisierung sind im Moment noch hypothetischer Natur, aber über Risiken erst dann nachzudenken, wenn sie bereits Realität geworden sind, hat sich selten als gute Strategie erwiesen. Die internationale politische Debatte zur zukünftigen Nutzung des Weltraums ist in den vergangenen Jahrzehnten allerdings fast komplett zum Stillstand gekommen.

Die neuen Treiber der Weltraumnutzung sind zielstrebige wirtschaftliche Hasardeure à la Elon Musk und Jeff Bezos, die einerseits zwar enorm wichtige Impulse setzen und Innovationen forcieren, gleichzeitig aber – frei nach dem Silicon-Valley-Motto «Move fast and break things» (Handle schnell und mach dabei Dinge kaputt) – recht sorglos in den Weltraum vorpreschen.

Es ist höchste Zeit, dass sich auch die Politik wieder ernsthaft des Weltraums annimmt. Es geht nämlich um nicht weniger als die zentrale Herausforderung für die Zukunft der Menschheit, und wir haben nur eine Gelegenheit, diese Herausforderung richtig zu meistern. Scheitern wir, droht uns mehr als nur die Hölle auf Erden. 

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