DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
epaselect epa08846084 Extinction Rebellion Wroclaw activist, covered with placard  'I do not support exploitation' during the 'Naked protest on Black Friday' in a store in Wroclaw, Poland, 27 November 2020. Extinction Rebellion activists, covered themselves with only placards and glued their hands to the store's windows during a naked protest against consumerism and Black Friday sales.  EPA/MACIEJ KULCZYNSKI POLAND OUT

Eine polnische Extinction-Rebellion-Aktivistin protestiert am Black Friday in einem Warenhaus in Warschau. Bild: keystone

So rechnet die «Bibel» der neuen Klimaaktivisten mit dem Wachstumszwang ab

«Less is More» lautet der Titel eines Buches von Jason Hickel. Es hat das Zeug, zur Bibel der neuen Klimabewegung zu werden.



1972 veröffentlichte der «Club of Rome», ein Zusammenschluss von Wissenschaftlern aus verschiedenen Ländern, ein Buch mit dem Titel «Die Grenzen des Wachstums». Es machte bald weltweit Schlagzeilen, denn es zeigte auf, wie das grenzenlose Wachstum der Wirtschaft im Begriff war, die Lebensgrundlage der Menschen zu zerstören: Mit Chemikalien verschmutzte Flüsse begannen zu brennen, Fische starben in mit Gülle verdreckten Seen, Menschen konnten in den Städten wegen Smogs kaum mehr atmen.

Die Mahnschrift des «Club of Rome» wurde ein Paradebeispiel dessen, was man als eine sich selbst zerstörende Prophezeiung nennt. Aufgeschreckte Regierungen begannen zu handeln: Kläranlagen sorgten bald für sauberes Wasser, Katalysatoren und effizientere Ölheizungen für saubere Luft. Ein Ökokollaps konnte so abgewendet werden. Umweltschützer wurden bald als naive Baum-Umarmer belächelt.

Jason Hickel

Vordenker von Extinction Rebellion: Jason Hickel.

Ein knappes halbes Jahrhundert später ist das Thema eines grenzenlosen Wirtschaftswachstums aktueller denn je, und eine neue Generation von Umweltaktivisten macht erneut Furore. Greta Thunberg, Fridays for Future, Extinction Rebellion, sie alle setzen sich mehr oder weniger militant dafür ein, dass mit mehr oder weniger radikalen Massnahmen die Klimaerwärmung gestoppt wird.

Nun hat Jason Hickel dazu ein Buch mit dem passenden Titel «Less is More» veröffentlicht. Hickel hat Ökonomie und Anthropologie studiert, stammt aus Swaziland und lebt heute als vielbeachteter Publizist in London. Sein Buch ist eine gnadenlose Abrechnung mit dem Kapitalismus und dem ihm eigenen Wachstumszwang.

Wie seinerzeit der «Club of Rome» trifft Hickel den Nerv der Zeit. Seit den Siebzigerjahren hat sich die Weltbevölkerung mehr als verdoppelt. Wir leben heute in einem sogenannten Anthropozän, einem Zeitalter, in dem der Mensch einen entscheidenden Einfluss auf den Planeten Erde hat.

Dieser Einfluss ist alles andere als segensreich. Wissenschaftler sprechen von einem «sechsten Massensterben». Täglich verschwindende Tausende von Pflanzen- und Tierarten, rund 40 Prozent der fruchtbaren Erde ist ausgelaugt, gar 85 Prozent der Fischbestände sind stark ausgedünnt oder vom Aussterben bedroht.

«Die ökologische Krise, die sich um uns herum abspielt, ist weit gravierender, als wir vermuten», stellt Hickel fest. «(…) Es geschieht ein Zusammenbruch von zahlreichen miteinander verbundenen Systemen, auf welche die Menschen fundamental angewiesen sind.»

Menschen mit Schutzmasken beim

Harmlos: Weihnachtsmarkt in Chur. Bild: keystone

Die wohl grösste Bedrohung stellt die Klimaerwärmung dar. Die Szenarien, was passieren wird, wenn die Erwärmung die Zwei-Grad-Grenze überschreitet, sind sattsam bekannt: Der steigende Meeresspiegel überflutet Städte und ganze Landstriche, fruchtbare Äcker verwandeln sich in Wüsten etc. Bekannt ist auch die Ursache, der steigende CO2-Gehalt in der Atmosphäre. Diese verheerenden Entwicklungen sind gemäss Hickel weder gott- noch naturgegeben, sie haben einen gemeinsamen Nenner: den Kapitalismus.

Kapitalismus ist dabei nicht gleichbedeutend mit Markt und Wettbewerb. «Märkte und Händler gab es Jahrtausende, bevor es einen Kapitalismus gab, und sie waren harmlos», so Hickel. «Was den Kapitalismus von den meisten anderen Wirtschaftssystemen in der Geschichte unterscheidet, ist der Umstand, dass er mit einem permanenten Wachstumszwang ausgestattet ist.»

Die Saat des Kapitalismus wurde nicht erst in der Industrialisierung gesät, sondern bereits mit der Vertreibung der Bauern von ihrem Land. Das geschah auf sehr brutale Art und Weise. Einst freie Bauern wurden abhängig von der Gunst ihrer Feudalherren. «Die Periode zwischen 1500 und 1800 (…) war eine der blutigsten und turbulentesten in der Geschichte», so Hickel.

Die Gewalt gegen die eigenen Bauern wurde noch um ein Vielfaches übertroffen von der Gewalt gegen fremde Völker. Sklaverei und Kolonialismus gehören zu den schlimmsten Kapiteln der Geschichte des Westens. Nur auf dieser Basis war die industrielle Revolution überhaupt möglich, denn sie war abhängig von «Rohstoffen, die von Sklaven produziert, von Land, das Einheimischen geraubt und verarbeitet von Bauern, die enteignet wurden», so Hickel.

FILE - In this Monday, Aug. 31, 2015 file photo, a costumed reveller performs in the Notting Hill Carnival in London. London's Notting Hill Carnival traces its roots to the emancipation of Black slaves and race riots in the city during the late 1950s. Organizers say the event is more important than ever amid the worldwide campaign for justice following the death of George Floyd in police custody. But their message of resistance and reconciliation will be delivered online worldwide this weekend after the COVID-19 pandemic forced the party to reinvent itself as a virtual event. (AP Photo/Tim Ireland, File)

Überbleibsel des Sklavenhandels: Karnevals-Umzug in Notting Hill in London. Bild: keystone

Nebst der Gewalt ist der permanente Mangel eine weitere zentrale Eigenschaft des Kapitalismus. Weder Misswirtschaft noch unwirtliche Bedingungen sind Schuld an diesem Mangel, er wird gemäss Hickel künstlich erzeugt, um die Menschen im Hamsterrad des Kapitalismus gefangen zu halten.

Die rücksichtslose Ausbeutung von Natur und Menschen brauchte natürlich einen ideologischen Überbau. Diesen lieferten primär zwei Denker des Mittelalter, Francis Bacon und René Descartes. Der Engländer Bacon gilt als «Vater der modernen Wissenschaften». Er hat die philosophischen Grundlagen geschaffen, welche die Beherrschung der Natur rechtfertigen.

Der Franzose Descartes seinerseits zerbrach das Band zwischen Mensch und Natur. Sein berühmtes Credo «Ich denke, also bin ich» gilt nur für den Homo sapiens. «Pflanzen und Tiere haben keine Seele, sie haben keine Absichten und Motivationen; sie sind bloss Automaten und funktionieren wie eine Uhr nach vorhersagbaren mechanischen Gesetzen», fasst Hickel Descartes' Denken zusammen.

Mit der industriellen Revolution hat sich der Kapitalismus in eine Dampfwalze verwandelt, welche allmählich die gesamte Welt überrollt hat. Er wurde, so Hickel, «zu einer nicht mehr zu bremsenden Maschine, die für eine endlose Expansion programmiert ist».

Diese Maschine lässt sich nicht ökologisch umprogrammieren. «Grüner Kapitalismus» ist gemäss Hickel eine Illusion. In einem kapitalistischen System ist daher etwa der rasante Fortschritt von Sonnen- und Windenergie nur beschränkt zu begrüssen. Denn, so Hickel, «diese saubere Energie ersetzt nicht die dreckige, sie wird dieser aufgesetzt».

Heisst das, dass wir in die Steinzeit zurückkehren müssen, um einen Öko-Kollaps zu verhindern? Im Gegenteil: «Wir werden alle technische Innovation und Effizienzsteigerung brauchen, um unseren Ressourcenverschleiss drastisch zu reduzieren», stellt Hickel klar. Wir müssen jedoch den dem Kapitalismus immanenten Wachstumszwang überwinden. Geht das überhaupt?

Ja, antwortet Hickel und führt als Beispiel Costa Rica an. Dieses mittelamerikanische Land ist nicht nur – was für diese Gegend atypisch ist – eine funktionierende Demokratie, es hat auch eine hohe Lebensqualität für die Menschen. Die durchschnittliche Lebenserwartung ist höher als in den um ein Vielfaches reicheren USA. Hickel schreibt:

«Costa Rica hat, ökologisch gesehen, eine der effizientesten Volkswirtschaften der Welt. Sie bietet den Menschen einen hohen Lebensstandard, ohne dabei die Umwelt übermässig zu belasten. Zeitlich gesehen wird diese Entwicklung faszinierend: Costa Rica hat all dies in den Achtzigerjahren erreicht, (…), in einer Zeit, in der sein Bruttoinlandprodukt nicht nur klein war, sondern überhaupt nicht gewachsen ist.»

Das Beispiel von Costa Rica lässt sich selbstredend nicht beliebig anderen Ländern überstülpen. Es relativiert jedoch die These der Notwenigkeit einer permanent wachsenden Wirtschaft.

Es wäre jedoch eine Illusion zu glauben, der Wachstumszwang lasse sich ohne Verzicht überwinden. Unser Fleischkonsum beispielsweise ist in der aktuellen Form nicht mehr tragbar. Er ist nur mit einer industriell gemanagten Landwirtschaft möglich, einer der schlimmsten Umweltsünden. Oder wir werden wohl auf Privatautos verzichten lernen, auch wenn sie elektrisch angetrieben sind.

epa08640095 A woman practices yoga on a board in a lagoon from where the Arenal volcano can be seen, in La Fortuna de San Carlos area, north of San Jose, Costa Rica, 28 August 2020 (issued 01 September 2020). The imposing Arenal volcano, its hot springs, the forests and landscapes that surround it, form a mix so that wellness tourism becomes one of the bases with which Costa Rica wants to lift the tourism sector that has been hard hit by the COVID-19 pandemic crisis.  EPA/Jeffrey Arguedas

Yoga im Ökoparadies Costa Rica. Bild: keystone

Massnahmen zur Eindämmung des Food Waste sind genauso nötig wie gegen die Unsitte, dass Produkte so gebaut werden, dass sie nach einer bestimmten Zeitdauer kaputt gehen. Über solche und ähnliche Massnahmen wird inzwischen breit diskutiert.

Einzelne Länder wie beispielsweise Neuseeland verzichten bereits darauf, ein Wachstum des Bruttoinlandsprodukts als Ziel ihrer Politik anzuführen. Ähnlich haben sich die Regierungen von Schottland und Island geäussert. Wahrscheinlich ist es kein Zufall, dass diese drei Länder derzeit von Frauen regiert werden.

Entscheidend ist letztlich, dass in unseren Köpfen ein Umdenken stattfindet. Die Kardinalsünde des Kapitalismus besteht darin, dass er das Gegenseitigkeitsprinzip zwischen Mensch und Natur aufgehoben hat. Die Denkweise von Bacon und Descartes hat eine unbeschränkte und – wie es sich nun zeigt – verheerende Ausbeutung der Natur erst ermöglicht.

Bild

Dieses Denken zu überwinden und das Prinzip der Gegenseitigkeit wieder einzuführen, ist die Voraussetzung zur Verhinderung eines Öko-Kollapses. Das bedeutet keineswegs totalen Verzicht und Askese. Oder wie Hickel es formuliert:

«Getreide zu ernten, Bäume zu fällen, selbst Tiere zu jagen und zu töten, ist nicht grundsätzlich verwerflich. Unmoralisch ist es jedoch, dies ohne Dankbarkeit und ohne Gegenseitigkeit zu tun. Unmoralisch ist es, mehr zu nehmen, als man braucht und als man zurückgibt. Was letztlich gegen die Ethik verstösst, sind Ausbeutung, Extraktion, und – was wahrscheinlich das Schlimmste ist – Verschwendung.»

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Schweizer Umwelt: Sauberes Wasser, dreckige Luft und zu viel Lärm

Der Mensch zerstört die Tierwelt

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Abschussbefehl: Australier töten in den kommenden Tagen 10'000 Kamele

Australien brennt. Das ist mittlerweile bekannt. Auch dass Flora und Fauna extrem darunter leiden, ist bekannt. Bilder von verbrannten Kängurus und brennenden Koalas gehen um die Welt. Doch die Dürre in Australien fordert auch andere tierische Opfer: Kamele.

Wie The Australian berichtet, werden ab Mittwoch während fünf Tagen 10'000 Kamele geschossen. Passieren wird dies im lokalen Verwaltungsgebiet Anangu Pitjantjatjara Yankunytjatjara (APY), einer Aboriginal Community im Bundesstaat South …

Artikel lesen
Link zum Artikel